Band 
Erster Theil.
JPEG-Download
 

und Virgils Anhängern. avz

Ehielte: und wenn er den Guintilian recht gelesen hätte;„so würde er nicht vorgeben, daß dieser Kunstrichter dem„Virgil mehr Lob ertheilet, als dem Homer. „

Der Verfasser beschließt seine Untersuchung mit fol-gende» Betrachtung. Die Ilias und Odyssee sind zwogroße Schildereyen, deren Auszug die Aeneis ist. Diesemuß man also genauer betrachten. Alles muß darinnenvollkommen seyn. Die großen Gemälde sieht man vonweitem an; es ist also nicht nöthig, daß alle Züge darinneneben so gar ausgearbeitet und fleißig seyn müssen. Ja beyeiner großen Schilderey ist solches vielmehr ein Fehler, wennsie gar zu mühsam ausgearbeitet ist. Oftmals hält mandasjenige für eine wahre Schönheit, was doch nur ein Putz-werk und ein fremder Zierrath ist. In des größten Künst-lers schönsten Schilderey giebt es keine Stelle, der mannicht noch irgend eine Schönheit beyfügen könnte. Manlasse sie aber lieber wie sie ist; sie wird doch allemal ein vor-trefflich Stück seyn. Bessert man daran; so wird es vie-lleicht wohl gezierter, aber mit allem dem minder schön wer-den, als es vorhin war.

Virgil hat denen Zügen, die sein Vorbild ihm darge-bothen , einige neue hinzugefügt. Diese Zusätze aber findnoch nicht zureichend, daß das Original der Copie weichenmüsse; denn das Original brauchte ihrer nicht, und sie ha-ben in selbigem gar vieleicht nicht angebracht werden müs-sen. Die wahre Schönheit besteht nicht darinn, daß maneben alles saget, sondern daß man dasjenige, was man sagt,gut sage. Sie besteht nicht sowohl darinnen, daß mangroße Wahrheiten sage; als daß man geringe Sachen vor-trage, ohne kriechend zu schreiben. Es scheint, daß anvielen Stellen im,Virgil, mehrereKunst und Pracht zu fin-den sey, als im Homer. Allein, alle diese Kunst und Prachtkönnen es noch einer wahren Erhabenheit nicht zuvor thun,die mit einer so glänzenden Einfalt verbunden ist, welcheauch in ihrer Nachlässigkeit gefällt.