Leben. 449
Der Tod eines Bruders, wenn er nicht zu frühzeitigist, rühret die meisten Menschen nur wegen einer billigen Zu-rückdenkung auf sich selbst. Sie messen den Zwischenraum; sierechnen die Augenblicke aus, die ihnen überbleiben, und dieseRechnung erschreckt sie: die Natur, welche ihre Schwach-heiten niemals fahren läßt, aber wohl oft geschickt ist die-selben zu verdecken, setzt einen durch die Eigenliebe erregtenSchmerz auf die Rechnung der Zärtlichkeit. Mit unsernzween Brüdern war es nicht so. Außer daß Peter Cor-»neille zwanzig Jahre älter war, als sein Bruder, so war auchunter ihnen die ersinnlichste Einigkeit; eine Einigkeit, die siezuweilen in den Augen ihrer Zeitverwandten mit einanderverwechselt hat, und die Nachwelt um so viel mehr hinter-gehen wird, da sie mehrere und neue Ursachen haben wird,sich zu irren.
Eine gegenseitige Hochachtung, Neigungen und Arbeiten,die sich einander fast glichen, die Verbindungen des Glücks,ja selbst des ungefähren Zufalls, alles schien zu ihrer Verei-nigung beygetragen zu haben. Wir wollen davon ein Bey-spiel beyfügen, welches vieleicht sonderbar zu seyn scheinenwird. Sie hakten zwo Schwestern geheirathet, bey denensich eben der Unterschied an Jahren befand, als bey ihnen.Sie hatten beyde Kinder, und in gleicher Anzahl. Sie mach-ten nur ein Haus und nur eine Wirthschaft aus. Endlichhatten nach einem fünf und zwanzigjährigen Ehestände dieBrüder noch nicht daran gedacht, die Güter ihrer Frauen zutheilen, die in der lTkormaiidie lagen, aus welcher sie, sowie die Männer, entsprossen waren, und diese Theilung wardauch nicht eher, als aus einer dringenden Nothwendigkeit,nach Peters Corneille Tode vorgenommen.
Die französische Akademie, welcher der Tod diesesgroßen Mannes eben so empfindlich war, glaubte dessen Ver*lust nicht besser ersetzen zu können, als durch die Wahl einesBruders, der ihm theuer gewesen, und der auf seinen Spu-ren so rühmlich einhergieng. Er ward einhällig erwählet,
F f rmS