Band 
Zweyter Theil.
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Sophokles Oedipus sey. 141

und alles hervorgebracht, was man nur abscheuli-ches und schreckliches gedenken kann. Hier ist diemehrere Zahl sehr glücklich angebracht. Oedipus hat denKopf dergestalt mit abscheulichen Bildern angefüllet, daßer durch diese mehrere Zahl, gewissermaßen, auch seineUnfälle vermehret, und dieselben noch schmerzlicher macht.Die einfache Zahl hätte hier bey weitem eine so gute Wir-kung nicht gethan, und würde sich zu der Leidenschaft undseinem Zustande darinnen er sich befindet, sehr übel schicken.Longin sagt: es giebt zuweilen nichts prächrigersals die mehrere Zahl; denn die Menge, welche siein sich schließt, hebt den Ton und giebt den Nach-druck. Dergleichen ist die mehrere Zahl deren Oe-dipus sich bedient: o Hochzeit! o unselige Hochzeit! u.s.w.Alle diese verschiedenen Namen, wollen nur eineeinzige Person anzeigen, nämlich eines Theils denOedipus und seine Murrer Iokasta andernrheils.Durch diese mehrere Zahl aber, vervielfältiget So-phokles gewissermaßen die Unglücksfalle des Oedi-pus. Allein, fügt Longin hinzu, man muß sich garwohl macht nehmen, daß man die mehrere Zahl auchja auf den gehörigen Stellen brauche, und zwar ansolchen, wo man erweitern, oder vermehren, oderdie Sache höher treiben muß, und allezeit in vollerLeidenschaft; das heißt, wenn die Sache eines odermehrere von diesen Gtückm ertragen kann: denndaß man dieses Rlingel-und Schellenwerk allent-halben anhängen wollte, das würde sehr sophistischaussehen.

Dieß ist eine sehr weißliche und wichtige Vorschrift.Dieser Redner begnügt sich nicht, uns zu sagen, in welchenFällen man diese mehrere Zahl brauchen könne; er lehretuns auch noch, in welchen Fällen es übel gethan seyn wür-de, sie zu brauchen. Hätte nun Jupiters Oberpriester hierdas 0 / äö <7M- anstatt: ich hin der

Oberpriester gebraucht; so würde wahrlich der Dichter,

Lon-