Anführungen. 99
welches sollte sie wohl seyn? Hier sind die Meynungen ge-theilet, und ein jeder eignet ihnen mehr oder weniger Ge-wicht zu, nachdem seine Vorurtheile ihn lenken. Führtman z. E. den Neueren, die wider die Alten eingenom-men sind, den Aristoteles oder plaro an: so zieht mansich gewiß ihre Verachtung, und zuweilen gar ihren Zorn zu.Redet man von ihnen gegen Halbgelehrte, die nur einekleine Zahl von Schriftstellern kennen , und solche baldrechts, bald links anführen: oder geht man gar mit ihnennoch auf andere Scribenten, deren Namen sie nicht einmalwissen: so erzählet man ihnen Mährchen her.
Um nun auch zum zweyten Theile von Herrn Lour-monrs Abhandlung zuschreiten, das heißt, zu den Regelnund Säßen, denen man bey den Anführungen folgen muß:so bemerket man, daß die allgemeinste und nützlichste Regelzum guten Anführen, diese ist; daß man sich befleißige, dieSchriftsteller recht zu kennen, ihre Verdienste, ihren Cha-rakter zu wisien, und dieses ohne Absehen auf die Zeit unddas Land, darinnen sie-gelebt haben; sie mögen nun Grie-chen , oder Römer seyn, oder zu denen gehören , die vonden Römern und Griechen Barbarn genennet wurden, siemögen alt oder neu seyn. Denn jedes Land, jedes Jahr-hundert, hat sowohl vortreffliche als mittelmäßige Schrift-steller hervorbringen können. Aus dieser allgemeinen Re-gel nun, lassen sich noch verschiedene besondere ziehen.
r. Nichts ist geschickter, uns in den Stand zu setzen,daß wir gut anführen können , als eine gänzliche Entfer-nung von allen Vorurtheilen, für die Schriftsteller eines ge-wissen Jahrhunderts oder Landes. Denn, sagt HerrFour-monc hier: was haben wir doch von denen, die gleichsamihr eigenes Jahrhundert hinunter setzen, und nur immerzween oder drey alte Schriftsteller anführen? gleich, als obseit jenen Zeiten kein Mensch mehr gedacht hätte. Washelfen uns immermehr diejenigen, welche das Alterthumverachten, und un^s gleichwohl lauter Sachen vorbringen,
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