des altern Herrn Fourmonts- 495
Wenn man von der geschriebenen Sprache der Cbi,neser nach derjenigen schließen will, die sie reden; so sollteman nicht glauben, daß diese Charactere alle von einanderunterschieden und unabhänglich wären: allein dieser Begriffwürde ganz und gar nicht richtig seyn.
Man zahlet bis auf achtzig tausend chinesische Cha»rackere in dem weitläufigsten Wörterbuche. Es ist wohlwahr, daß es unter dieser erstaunlichen Menge mehr als die^Hälfte giebt, die gleichbedeutend, die selten, die ungebräuch»sich sind; und daß von den dreyßig tausend überbleibenden,fast zwey Drittheile, die den Ausdrücken der Künste undWissenschaften gleichen, nur dann gebrauchet werden, wennman gewisse Materien abhandelt. In China begnügensich die allergelehrtesten damit, wenn sie zehn oder eilf tau.send Charactere kennen; und bey dieser Zahl bleiben auchdie üblichsten Wörterbücher stehen.
Diese zehn bis eilf tausend chinesischen Charactere sindnicht alle einer vom andern durchaus unabhänglich. Wennman sich einen richtigen Begriff davon machen will, so mußman sie mit unsern Sprachen vergleichen: in welchen dieunermeßliche Zahl derer Ausdrücke, woraus sie bestehen, sichauf eine eingeschränkte Zahl von Stammwörtern bcläuft,aus welchen alle andere zusammengesetzet oder abgeleitetsind. Die chinesischen Charactere erhalten indessen keineVeränderung, die derjenigen gliche, die die Wurzeln unse.rer Sprache, durch die grammatikalischen Beugungen er,halten. Ein Character bleibt allezeit derselbe, er mag inder Folge der Begriffe bekleiden welchen Platz er will: al.lein diese Charactere verbinden sich unter einander, so daßviele einfache Charactere, durch ihre Vereinigung einen zu-sammengesetzten Character bilden; der sich seines Orteswieder mit andern zusammensetzen läßt, sie mögen einfachoder zusammengesetzt seyn. Daher kömmt eö, daß ihre Zahlsich so erstaunlich vervielfältiget hat.
Dieser