Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883 Expl. 2)
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des öffentlichen Gottesdienstes das erste Mal vor den Pfarrer berufen,das zweite Mal vor den Kirchenstillstand gestellt und das dritte Mal derObrigkeit zur Abstrafung verzeigt, so hob sich in der genannten Epoche-ohne Zwang der Kirchenbesuch in solchem Grade, daß am Sonntagesämmtliche Glieder aller ehrbaren Haushaltungen, kleine Kinder und etwaeines der Erwachsenen ausgenommen, in das Haus des Herrn gingen. Kon-sirmirte Söhne und Töchter besuchten noch etliche Jahre die Kinderlehre, undmau hörte sie oft sagen: ,Jch verstehe Vieles erst jetzt recht, sie werden mirimmer lieberü Den Bet- und Bußtag beging man mit vielem Ernste."

Hören wir nun, inwiefern die zweite Hälfte des 18. JahrhundertsEin Bild frischen religiösen Lebens darbietet!

Im Jahr 1774 legte H. Goßwhler der asketischen Gesellschafteinen Aussatz vor, betitelt:Versuch einiger Bemerkungenüber die Vorur theile, die man bei den Landleutenin der Gegend um W. antrifft (Gemeinde Marthalen). Esist der älteste der in meine Hände gekommenen Aufsätze und um so mehreiner gedrängten Wiedergabe werth, da im folgenden Jahr ein Andererdiesem Referenten entgegentrat. Unwissenheit und Aberglaubebetrachtet der Verfasser als die größten Uebel; er stimmt dem Urtheil einesgeistlichen Nachbars bei:Die schlimmen Vorurtheile der Bauern, be-sonders die, so aus dem Aberglauben entspringen, verderben ihren Charaktermehr als der eifrigste Pfarrer mit langer Mühe wieder verbessern könne".Die Bornirtheit der ganz bäuerlichen Bevölkerung geht so weit,daß der Bauer Zum Pfarrer, nachdem dieser ihn in einer Sache völligüberzeugt zu haben glaubt, sagen kann:Ihr habt recht, aber ich bleibebei dem, was ich weiß und schon oft gethan habe". Ein Vater schlugseinen Knaben, weil dieser vor dem Essen nach Belehrung des Schul-meistersUnser Vater" und nichtVater unser" betete. DieBegriffe von Gott sind noch sehr sinnlich. Gott ist nach der Vor-stellung Vieler ein alter zorniger König, der seine größte Freude darangesunden hätte, die Menschen ewig in der Hölle zu quälen, wenn nichtChristus gekommen wäre, sie zu erretten. Das beste und unfehlbarste