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Die Beugung der großen Mehrheit des Volkes und —wir dürfen das hier wohl beifügen — der Obrigkeit unter diehöhere Autorität des göttlichen Wortes.
Der fleißige Kirchenbesuch, das Bibellesen, die gläubige Annahme derchristlichen Predigt können ja allerdings, wie wir sahen, nicht ohne Wei-teres als Beweis religiösen Lebens gelten, aber so viel geht daraus klarhervor, daß das damalige Volk noch willig Gott die Ehre gab, jede Gabemit Dank empfing als aus seiner Hand, Heimsuchungen als Strafe fürSünden empfand und frei war von fündlicher Selbstüberhebung undGottlosigkeit.
Auf dem glücklichen Mittelweg zwischen Armuthund Reichthum verrichtete die große Mehrheit fleißigihr Tagewerk und war zufrieden mit ihrem Schicksal,hing auch mit Liebe und Vertrauen an einer wohl-wollenden Obrigkeit wie an pflichttreuen Gei st lichen.
Seinen christlichen Sinn bethätigte das Volkferner in christlicher Nächstenliebe, speziell in Barm-herzigkeit gegen die Unglücklichen, in Dienstfertig-keit gegen die G e m e i n de g e n o s f e n.
Es fehlte nicht an Solchen, welche mit einem leben-digen religiösen Sinn auch ein wahrhaft christlichesLeben in jeder Hinsicht verbanden.
Diesen Lichtseiten stehen folgende Schattenseiten gegenüber:
Die große Mehrheit begnügte sich mit einer äußer-lichen Gottesverehrung und gab sich keine genaue Rechenschaftüber die angehörten christlichen Lehren.
Die schlimmen Folgen davon waren: Unempfänglichkeit für tieferereligiöse Eindrücke, krasser Aberglaube und irrthümliche religiöse Vorstel-lungen; Kinderzucht und Familienleben waren sehr mangelhaft. Fernerzeigt sich große Selbstzufriedenheit bei vielfacher Sittenrohheit und mancherleiAusschweifung, sowie mangelhafte Pflege der Geistesgaben.