Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883 Expl. 2)
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worfen und daher jenen Sinn verdrängt. Unser Stand hat die Ver-nachläßigung des Kultus, statt ihr entgegenzuarbeiten, negativ und positivbefördert. Negativ, weil man dem Uebel nicht steuerte, als es noch kleinwar, positiv durch das häufige Deklamiren über den Unwerth der äußernGottesverehrung, durch die Auffassung der Kirche als bloßer Unterrichts-anstalt, der nun Viele nicht zu bedürfen glauben, und durch das bloßeMoralisiren ohne Anregung und Befriedigung der religiösen Bedürfnisse."

Treten wir in's Einzelne ein und hören wir wieder eingehendereBerichte aus verschiedenen Landesgegenden! Eine Arbeit von Hr. Pfr.Müller sAehnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen Gemeinden im Rhein-thal, Thurgau und Kanton Zürich in religiöser und sittlicher Hinsicht,1814) führt uns die damaligen Zustände von Em brach vor Augen.Der Verfasser hatte damals bereits 6^/2 Jahre in Rebstein, 13 Jahre inAmrisweil und 4 Jahre in Einbrach gewirkt*).

Diese Arbeit ist schon insofern interessant, als sie-beweist, wie auchein ganz guter Beobachter leicht der Versuchung unterliegt, an der Ver-gangenheit Manches zu rühmen, was laut zuverläßigeu, zeitgenössischenAussagen damals gar nicht oder wenigstens nur vereinzelt vorhanden war.Man kann dem Verfasser den Vorwurf kaum ersparen, daß er eineso weit verbreitete Selbsttäuschung! jeweilen für Betrachtung der Ver-gangenheit die optimistische und für Betrachtung der Gegenwart die pes-simistische Brille angezogen und überhaupt etwas voreilig manchen inBetracht kommenden Punkt übersehen habe. So beklagt er den schwachenBesuch der Wochengottesdienste seit der Revolution, und hat es ganz ver-gessen, daß dieselbe Klage schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts fastallgemein war; so klagt er, daß Viele an einem Feste nur noch einmal,nicht aber an beiden Festtagen am hl. Abendmahl theilnahmen, undvergißt, wie in solchen Punkten an verschiedenen Orten bei gleichem reli-giösem Leben die Ansichten verschieden sind.

0 Ueber die im Thurgau wegen öffentlicher Ruhestörung gegen ihn erhobeneAnklage und seine projektirte Bersetzung nach Hittnau vgl. Zürcher Taschenbuch1859, S. 161 f.