Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM K 59 : 1883 Expl. 2)
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Verleumdung, Unversöhnlichkeit, Mangel an Sanftmuth sind häufig, ebenso-wahrhaft massive Grobheit.Letzteres mag Wohl daher kommen, weil inder Revolutionszeit mancher Schuhmacher und Schneider Präsident, Agent,Friedensrichter rc. war und in dieser Würde eine Superiorität und Gra-vität annahm, der er jetzt fast nicht mehr los werden kann." Zu rühmensind hingegen Dienstfertigkeit und Wohlthätigkeitssinn .... UnehlicheKinder aber, Ehebrüche, Ehescheidungen, sittliche Ausschweifungen derJugend sind häutiger als früher, eine Folge der Revolution, speziell desfranzösischen Soldatenleichtsinns . . .Einen ausfallenden Unterschiedbemerkte ich zwischen der Gutherzigkeit der Thurgauer und der Land-bewohner im Kanton Zürich. Hier kommt Niemandem der Sinn daran,dem Armen- oder Schulgut Etwas zu vermachen, im Thurgau dagegenvermachte jeder nur irgendwie Vermögliche mindestens einen Louisd'orund bis auf 15 Carolins (Kirchensteuern selten weniger als 50 Gulden),und in der kleinen Gemeinde Rebstein war eine Freischule, deren Schul-meister ganz aus den Vermächtnissen bezahlt wurden. Auf unserm Lande,wenigstens in unsern Gegenden, überläßt man gern Alles der anerkanntenGutherzigkeit der Stadt Zürich. Wo irgend eine Institution daselbstexistirt oder eine Partikularperson darin als wohlthätig bekannt ist, sowerden die Pfarrer um Rekommandationen ersucht.

Der hiesige Luxus besteht vorzüglich in der Liebhaberei zumlieben Trünklein, und wahrlich sind darin die Gemeinen noch weit ver-schwenderischer als die Bemittelten, und daher kommt gewöhnlich auch dieArmuth." An manchen Orten habe der Aberglaube ab- und dafür derUnglaube zugenommen.Hier aber ist der erstere noch ausfallender. Ichkönnte, ohne der Gemeinde Unrecht zu thun, nicht sagen, daß ich großenUnglauben irgendwo gefunden hätte, wohl aber eine gewisse Religions-kommodität . . . Im Umgang war der Zürcher Landmann früher weitoffener und herzlicher. Ich weiß, wie wohl es Einem in seiner Gesell-schaft war, aber jetzt man sage dagegen, was man wolle ist erzurückhaltender und feiner entweder, oder, wenn er anläßt, massiv und-indiskret."