Briefe Oehlenschlägers an Goethe.
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nehmlich das Ende mich immer in eine luftige und heitereStimmung setzte. Mit alle dem muß ich bekennen daßsie mich oft in einzelnen Sachen gefallen und gerührthaben. Der befte ift wohl ohne Zweifel Corneille er hatin seinen beften Stücken hohen Geift und Schwung: auchsogar bisweilen Kühnheit, aber er hat sich von den Puriftenund ariftotelischen Regelmachern verblüffen lassen; auchvon der gar zu großen Formlosigkeit und Phantaftereyder Spanier. Es liegt ein mahl in der menschlichen Naturvon Extremitet zu Extremitet zu fallen, und es ift nurwenigen Helden gegeben die Ballanze auf beiden Füssen.zu halten. So ift die gar zu ängftliche in gewisse con-ventionelle Regeln gebundene Form der Franzosen garnichts anders als (um mit den Herrn Naturphilosophen zureden) der entgegengesetzte Pol der spanischen Form-losigkeit; so wie der Mysticismus in unsern Tagen zu derkritischen Philosophie. Racine hat gewiß alles mit derfranzösischen Sprache gethan was in eleganter praeciserRücksicht gemacht werden konnte; auch als Versifikatorift er unftreitig groß, und er hat das Gedrungen-Schönein dem dramatischen Styl einigermassen den Alten abge-lauert. Er war fein, zart, verliebt, honnet, geschickt,gefällig und ein großer Sprachkünftler. Was Rousseaugemacht hat ließ er doch wohl bleiben, da muffe manGenie und ein einfältig Herz haben, und das hatte er nicht.Höfisch ftolz, galant und wüthend sind seine Helden (Ichnehme Athalie aus) sie respektiren nichts höher als ihreigenes Glück, Point d’honneur haben sie genug; aber-schlechte, liftige, jämmerliche Kerls sind es. Racine hatdas Unglück das er bornirt ift, und das darf eigentlich einguter Trauerspieldichter nicht seyn. Das ift Voltaire nicht,er ift vielumfassend; er ift der von den dreien der sich unsam Meißen naht. Aber als Trauerspieldichter! Wie un-endlich weit hatte der Verfasser von der Pucelle d’Orleanszu steigen um eine Jungfrau von Orleans schreiben zu.können !