Briefe Herders und der Herdf.rschen Familie an Goethe. 21
Ich bin jetzt solange in Rom, um darüber ein Wort sprechenzu können, und doch ifts nichts, gegen das, w as mir bevor-ftehet und ich zu genießen und zu erforschen wünsche.Wenn ich blos die Statuen nehme, die im Grunde meinliebftes und wahres Heiligthum sind, so vergesse ich jedes-mal alles andere darüber, und ich gehe von meiner Schrei-berei über sie vor ihrem Antlitz, allemal unwillig nachHause. So einen andern Weg ich in diesen und andernDingen gehen möge, als Du, Tausendkünftler, dabei ge-gangen bift: so finden wir uns am Ende doch zusammen,und wir werden, hoffe ich, manche angenehme Stunde ineiner gemeinsamen Erinnerung haben, wenn sie uns dasSchicksal bescheret. Einzelnes kann ich dir nichts schreiben,so wie auch nichts von meinen andern Zerftreuungen hieund dorthin; dafür schreibe Du mir öfters, lieber G., ich bringeDir, was ich in mich sammeln kann, als ein Verftummter(wie Du es selbft voraussagteft), mit. Auch mit den Cy-pressen, Pinien pp habe ich mich zu versöhnen ange-fangen, so wie mit dem Römischen Himmel und allem,was durch Ungezogenheit und Faulheit der Menschen da-von abhangt. Auch fange ich an, die Ital. Sprache zulieben, und sehe mir so manche Quellen eines neuen Künf-tigen Vergnügens geöfnet, daß ich selbft, obzwar sehr be-scheiden, glaube, daß die Reise nach Italien für mich inManchem gut seyn werde. Deine hiesigen Freunde liebenDich alle unbeschreiblich, und Du lebft noch bei ihnen.Bei Büri sind nie die Thränen weit, wenn ich mit einigerInnigkeit von dir rede. Ich habe mit ihm die Paläste Co-lonna und Borghese gesehen, das Einzige, was ich außerRondanini, wo ich mit Hirt war, von Gemähldegaleriengesehen habe. Sie jagen mich immer zu meinen geliebtenStatuen zurück, von denen ich schon sogar träume.
Die Angelika ist eine liebe Madonna; nur in sich ge-scheucht und verblühet auf ihrem einzelnen schwachenZweige. So ein ehrlicher Preuße Reifenft., und so einguter Venetianer ihr Zucchi seyn mag: so ftehet sie doch