Jahrgang 
8 (1887)
Seite
93
JPEG-Download
 

B. G. Niebuhr an Goethe.

93

neuen Bande als an einem demokratisch republikanischenBuche Ärgerniß nehmen werden. Ich habe, seit der Jugend,in' der alten Geschichte gelebt, wenn immer (was oftJahrelang der Fall nicht war) ich mich mit Büchern an-ftatt mit Geschäftspapieren umgeben konnte: ich habejezt die römische Geschichte mit dem Gefühl eines Zeit-genossen geschrieben, und anders sollte man wohl keineverflossene Geschichte schreiben. Die politischen Grund-säze sind hier, und sie werden es in der Fortsezung seyn,die, welche, hätte ich als römischer Bürger gelebt, injedem Zeitalter meine Grundregeln für das Handeln ge-wesen seyn würden. Ich hoffe nie zu loben wobey mirdas Herz nicht warm ift, und was ich nicht als Zeitgenossemit ganzer Kraft gutgeheissen und unterftüzt haben würde.Im vierten und im siebenten Jahrhundert Korns mußte dergute Bürger ein fall entgegengeseztes Syftem von Maximenund Gefühlen haben. Und hier ärgern mich die Schrift-ffeller welche mit einer armseligen Allgemeinheit die Be-gebenheiten aller Zeiten drehen und zwingen, damit siesich unter ein Paar Gemeinsprüche fügen, und die dannvon einem allgemeinen Zeugniß der Geschichte aller Zeitenreden. So ärgern mich auch die bürgerlichen Lobrednerdes Adels und der Monarchieen, die einen Ton von My-fticistnus anftimmen und vornehm thun; - während ichmich immer sehr wohl mit dem eigensinnigften gebohrnenAriftokraten vertragen, und die Privilegien des Adels soaufrichtig vertreten habe daß ein Theil der Ritterschafteiner Provinz mich zu ihrem Deputirten erwählen wollte.Verzeihen Ew. Excellenz daß ich Ihnen solche Dingeerzähle, aber es würde mich bekümmern von Ihnen ver-kannt zu werden. Niemand könnte die Idee lächerlicherfinden in unsern morschen Staaten repräsentative Formeneinzuführen: aber wenn wir unfähig sind griechische Tra-gödien oder ariftophanische Komödien zu schaffen, darfman sich denn nicht freudig in das Volk und jenes Zeit-alter hineindenken wo sie freudig und kunftlos aufwuchsen?