Jahrgang 
10 (1889)
Seite
215
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Classiker und Romantiker.

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Vor zwei Jahren hat ein im übrigen sorgfältiger Manndie Schriften von Goethes Freund Heinrich Meyer, demsog. Kunstmeyer, herausgegeben und in der Einleitung 1»der romantischen Strömung der Zeit die wesentlicheSchuld an dem Misserfolg der Propyläen« zugeschrieben.Diese Meinung ist historisch nicht zu rechtfertigen unddarum falsch. In den Jahren 17981800, während welcherGoethes Propyläen gleichzeitig mit dem Athenäum derGebrüder Schlegel erschienen, bestand ein prinzipiellerGegensatz zwischen den Classikern und Romantikern über-haupt nicht, nur ein persönlicher zwischen Schiller undden Schlegel.

In den Recensionen, welche Wilhelm Schlegel 17961799für die Jenenser Literaturzeitung schrieb, ist Goethe zumersten Male von der zeitgenössischen Kritik nach seinerganzen Bedeutung erkannt und gewürdigt worden. Schlegelhat dem neuerdings von Wieland genährten Vorurtheil einEnde gemacht, dass die Blüthezeit unserer Literatur in derVergangenheit zu suchen sei. Wo er sich in diesen Recen-sionen, wie das in theoretischen Dingen seine Art ist, aufdas »bisher festgestellte« oder »ausgemachte« beruft, ist esimmer der Standpunkt der ästhetischen Schriften Schillers,mit welchem sich Goethe damals solidarisch erkannte. MitGoethe und Schiller kämpft Wilhelm Schlegel erstlich gegendie Forderung nackter Naturwahrheit, den platten Naturalis-mus in der Kunst: als dessen Hauptvertreter ihm in Bei-spiel und Theorie Diderot auf dem Gebiete der Poesie vorAugen steht, wie Goethe gleichzeitig in den Horen undPropyläen Diderots Autorität auf dem Gebiete der Malereibekämpft. In der deutschen Dichtung ist der märkischeDichter Schmidt von Werneuchen, für welchen Jakob Grimmeine Lanze einlegen wollte, für den Recensenten der Lite-raturzeitung wie für den Dichter der »Musen und Grazienin der Mark« das Ziel des Angriffs und das GoethescheGedicht hat dem Dichter des Wettgesanges zwischen Voss,Schmidt und Werneuchen vielleicht die parodistische Forman die Hand gegeben 2 ; hier secundirt auch der RomantikerTieck mit seiner Anzeige der »neuesten Musenalmanache

1 Heilbronn 1886 S. XXXIV f.

2 Vgl. dazu Förster, Kunst und Leben, S. 200f., wo ein bei Böckingfehlendes Epigramm W. Schlegels auf Schmidt von Werneuchen mit-getheilt wird, das also lautet: »Wenn Pastor Schmidt Mit schweremTritt Die Strasse tritt, Stehn um ihn her Die Pflasterer: Gott grüssEuch, Herr! Er spricht: Natur, Auf deiner Spur Schreit ich einher!Und sieht in Ruh Den Rammlern zu«. Die Entstehungszeit des Epi-grammes wird nicht angegeben.