Jahrgang 
10 (1889)
Seite
223
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Classiker und Romantiker.

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dem Tone fällt und wiederum begegnen wir dem altenErzfeind der Romantik, dem von W. Schlegel im »Reichs-anzeiger« 1 und von Tieck im »poetischen Journal 2 ver-spotteten Proktophantasmisten. Das Fragment kennt keinemusikalischen und melodramatischen Effecte: im erstenTheilegestattet sich der Dichter opernhafte, musikalische undmalerische Wirkungen, welche wiederum an Tiecks Dramenerinnern. Das Fragment ist in Knittelversen abgefasst,welche nur selten mit Jamben abwechseln; im ersten Theilnähern sich die Jamben mitunter der Stanzenform und diedreisilbigen Reime, welche in den Chören der Schüler undEngel am Schlüsse der Osterscene erklingen, findet manfrüher in W. Schlegels Nachbildung lateinischer Kirchen-hymnen, wo es z. B. heisst : 3

»Liebe, was quälst Du mich?

Besser entseelst Du mich.

Zeugende ReinigungHemmt die Vereinigung:

Jahr aus Sekunden hierMachen die Wunden mir.

Leih uns des Lebens Schooss,

O Seele, strebend los!

Das Feuer eilt hinauf,

"Und nimmer weilt im LaufBis an des Himmels Rand:

Dort ist mein Vaterland«.

Dass die Schlussscene des zweiten Theiles der katholisirendenRichtung der Romantik angehört und durch die Camposanto-bilder in Pisa beeinflusst ist, deren Beschreibung Goethezuerst in Tiecks Sternbild gelesen hatte, ist bekannt.

In einem der Paralipomena zu Faust glaube ich Nach-wirkung bekannter romantischer Ideen zu erkennen. In derDisputationsscene 4 sollte gegenüber Mephistopheles, welcherals fahrender Scholast die Erfahrung rühmt, Faust das »yväSi(jtnvxov im schönen Sinne« vertheidigen. In dem Aufsatze»Bedeutende Förderniss durch ein einziges geistreichesWort« urtheilt Goethe von diesem Satze, von dem er inseiner gewöhnlichen Bedeutung nie etwas rechtes gehalten

1 Athenäum II, 2, 337.

2 I, 1, 221 ff.

3 Musenalmanach von Schlegel und Tieck 212 f.

4 Weimarische Ausgabe S. 290f.