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Abhandlungen.
habe, dass er nur zu einer falschen inneren Beschaulichkeitführe und von der Aussenwelt abziehe. Um die Wende desJahrhunderts dagegen und unter dem Einfluss der FichteschenPhilosophie war dieser Spruch an der Tagesordnung.Schellings Philosophie, indem sie das Räthsel der Natur zulösen versucht, führt den Menschen auf sich selbst zurück.Novalis in den »Lehrlingen zu Sais« sucht die Natur undfindet das Fichtesche Ich als die entschleierte Natur:
»Einem gelang es — er hob den Schleier der Göttin von Sais,Aber was sah er? ■— er sah, Wunder der Wunder, sich selbst!«
Und wie er im Lehrling zu Sais sich selbst schildert, dernicht die Natur sondern sich in ihr findet, so auch imFleinrich von Ofterdingen verkörpert er den Weg derinnern Betrachtung, der entgegen dem mühseligen Wegder Erfahrung ein" blosser Sprung ist und doch gleichfallszur Erkenntniss des Irdischen führt. In den Gedichten derGünderode verweisen die Erdgeister den Wanderer, der(wie Faust zu den Müttern) in die Tiefe gestiegen ist,um die Natur in ihrem Werden zu belauschen, auf seineeigene Seele: auch dort sei eine Werkstatt der Natur. DasyväSi ainvjov, die Selbstbetrachtung im schönen Sinne,lehrte damals der Verfasser der Monologen. . . GegenüberMephistos Lob der Erfahrung sollte also Faust den nachinnen gerichteten Menschen, der sich im rechten Sinneselbst kennen zu lernen sucht, vertreten. Man erinnertesich, wie damals Nicolai im Gundibert und in seiner Ab-handlung über die durch Blutigel verscheuchten Visionensich des Hallerschen Satzes bemächtigen wollte: »Ins Innreder Natur dringt kein erschaffner Geist, glückselig wemsie nur die äussere Schale weist«, und wie die kritischePhilosophie sich einstimmig dagegen erhob . 1 Darauf ant-wortete Goethe noch späterhin: »Natur hat weder Kernnoch Schale, Alles ist sie mit einem Male. Dich prüfeDu nur allermeist, ob Du Kern oder Schale seist«. In derZeit der Fichteschen und der Naturphilosophie, in welcherdie Erkenntniss der Natur mit der des eignen Ich so nahezusammenfiel, konnte Goethe, als er sich zu Schelling be-kannte, seinen Faust am leichtesten als Verfasser des yvä&toeavTÖv auftreten lassen.
Das Fragment Faust hat in den romantischen Kreisenvielfach zur Nachfolge und Nachahmung angeregt. Sogar
1 s. Loeper, Goethes Gedichte II 2 541 f. zu 254. Boxberger, Archiv
f. Litgesch. IX, 264. Anzeiger f. d. Alterthum X, 271 f. KürschnersNationalliteratur Bd. 72, S. 302, G.-J. III, 3 3 8 f.