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Miscellen.
7. Die Wiedererkennungscene in Goethes Iphigenie in Delphi.
Man hat zu der Wiedererkennungscene im 5. Akt dergeplanten Iphigenie in Delphi (vergl. Schriften d. G. G. 2,186), in welcher Elektra das totbringende Beil über ihrenoch unerkannte Schwester Iphigenie schwingt, bisher alsentsprechende, vorbildliche Scene den bekannten Auftrittin Euripides’ verlorener Tragödie Kresphontes angeführt,in welcher Merope ihren noch unerkannten Sohn ermordenwill, ehe sie noch rechtzeitig daran verhindert wird. Vahlenhat bekanntlich zuerst diesen Auftritt, Uber welchen wir durchAristoteles’ Poetik und durch Plutarch unterrichtet sind, mitGoethes Iphigenie in Delphi in Verbindung gebracht. Düntzerwidersprach ihm im G.-J. III, 1882 S. 139, zum Theil mitUnrecht, da Vahlen gar nicht behauptet, dass Goethe sichaus des Aristoteles’ Poetik auf seiner italienischen Reise diesesAuftrittes entsonnen, sondern nur hervorhebt, wie es beachtens-werth wäre, dass die theoretische Ansicht des KunstrichtersAristoteles betr. der Wirksamkeit solcher Scenen durch denDichter Goethe bestätigt sei. Darin jedoch hat Düntzer Recht,wenn er sagt, Goethe wäre unmöglich durch Aristoleles’ Poetik,die er bekanntlich seit Leipzig bis 1797 nicht einsah, auf jenenAuftritt verfallen. Und doch — die Gleichheit oder Ähnlich-keit ist zu gross, woher stammt sie? — Zwar könnte manauf Lessings Hamburgische Dramaturgie sein Augenmerkrichten, wo ja über Euripides’ Stück, wie Uber Maffeis undVoltaires Merope eingehend gehandelt wird. Aber es gibtStücke, die dem Dichter der Zeit nach sehr nahe standenund ihm dasselbe boten : nämlich die Gotterschen. Götter,der Vertreter des französisch-antiken Theaters, hat ja nichtnur Voltaires Merope bearbeitet, sondern auch dessen Orest.Hier bei Götter haben wir die Meropescene im 3. Akt amSchluss des 4. Auftrittes nach Voltaire Merope III, 4; aberauch in »Orest und Elektra« von Götter im vierten Akt zücktElektra in leidenschaftlicher Wuth über den noch unerkanntenOrest, den sie für dessen Mörder hält, den unheilvollen Dolch,da erfolgt die Erkennung; ähnlich bei Voltaire im »l’Oreste«an der entsprechenden Stelle. Götter war dem Dichter schonvon Wetzlar her bekannt und befreundet, sie standen imlitterarischen Verkehr, wenigstens schickte Goethe ihm mancheDichtungen, die beiden oben genannten Dramen sind auf demWeimarer Hoftheater aufgeführt worden, Orest und Elektra1772, Merope 1773, wie in Gotters Werken vor den Dramenzu lesen steht, vielleicht sind sie noch später zu Goethes Zeitgegeben worden; jedenfalls kann man eine Bekanntschaft mitdiesen Dramen kaum bezweifeln. So ist denn hier, wie gewissoft, das Antike dem Dichter erst aus zweiter oder vielmehr