Miscellen.
245
sie und er nun fortfahren könnten: »Geht mich nichts an«— »Nimm’s nicht genau« — »Ich glaube« — »Will’s ver-wehren« ist schwer erfindlich. Ein Erklärungsversuch wäreetwa folgender: Sie (ärgerlich): Ich will nichts von deinerSchonung wissen, ich leide durch dich (22). Er (begütigend):Nimm den Zwischenfall nicht so genau, es ist ja kein Unglück (23).Sie (besänftigt): Ich will dirs glauben (24). Er : Ich will denWächtern (125,11) schon verwehren, dich zu plagen (25). Sie:Kannst du schweigen ? wirst du nun meine Liebe nicht aus -schwatzen? (26) Er: Gewiss, ich bin dir ja hold (27). Sie:Schreibe mir, so bin ich dir (28-29). Es müssen hier zweiZeilen der Sprecherin angehören, Zeile 29 widerstrebt derZutheilung an den Sprecher. Darnach Er: Schreib auch dunach Belieben (3») und vielleicht noch dazu: Ich lasse deineBriefe holen (31).
Die letzten vier Zeilen sind ihres Inhaltes wegen erstaunlich;wenn die Liebenden sich schreiben können, was bedürfen sienoch weiter des schwierigen Zeichenwechsels? Und doch wirdder fortgesetzt. Goethe muss hier die Spielregel vergessenhaben. Aber ihre Vertheilung erregt auch Bedenken; Zeile 32muss vom Krieger gesagt sein, er würde drei Zeilen hintereinander sprechen; noch dazu so, dass zwischen 31 und 32 einePause läge. Da ist es vielleicht richtiger ihn nur mit einerZeile auf die zwei des Liebchens 28-29 antworten zu lassenund 31 »Ich lass deine Briefe holen« in ihren Mund zu legen.Die ganze Reihe von Zeile 19 bis 31 verursacht fortgesetzteSchwierigkeiten der Auslegung. Der weitere Verlauf desRomans dagegen ist ziemlich klar. Er: Du bist hiermiteingeladen zu mir (32). Sie: Mach’ keinen Streich, sei nichttollkühn (127,1). Er (beharrend): Ich bin zu Haus und er-warte dich (2). Sie: Gut denn, du wirst mich da finden (3).Er: Ich will dich bewirthen (4). Sie: Nimm mich hin (5).Er: Dann liegen zwei Köpfe auf einem Kissen (6).. Sie: Will’svergessen (7) d. h. sie will die Bestellung vergessen, sie hatnur scheinbar sich darauf eingelassen. Er: Du bist ein falschGemüthe (s). Sie: Und du bist ein Schalk (9). Er (überdie Nasführung empört): Mag der Teufel dich holen (10).
Ist diese Auffassung des Schlusses richtig, so ist der ganzeRoman ein heiteres, reines Spiel, der kühne Krieger ist dergefoppte zudringliche Werber, das Liebchen ist neckischkokett, spielt mit ihm bis zum letzten Augenblick und gibtihm dann den Abschied lachend. Ich fühle mich an Falstaffund die lustigen Weiber erinnert. Und mich dünkt, dass beiGoethe ein so spielerisch sich verflüchtigender Inhalt für eineso spielerische Form recht wahrscheinlich ist. Freilich hätteer ein modernes, Goethesches Beispiel zur Beleuchtung einerorientalischen Einkleidung gegeben. Aber wie viele Stücke