Jahrgang 
10 (1889)
Seite
246
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Miscellen.

seines West-östlichen Divans tragen denn echt orientalischesGepräge? Selbst die Spitze des Schenkenbuches ist umgebogen.

Doch ist zu erwägen, ob eine strenge orientalische Auf-fassung nicht Platz greifen kann. Folgte er seiner Quelle,den Hammerschen Fundgruben, so las er, dass der Zeichen-wechsel vorzüglich im Harem üblich sei. Wenn er sich diesvorhielt, so läge näher, vor den vier letzten Zeilen die Er-füllung der dann beiderseitigen Wünsche vorauszusetzen unddie Absage (7) nach dem Liebesgenuss in den Mund desKriegers zu legen, die nächsten zwei Zeilen der betrogenenHaremsdame, die letzte ihr oder auch ihm zuzuschieben.Doch ich halte das nicht für wahrscheinlich; aus den ange-führten allgemeinen Gründen nicht, darum nicht, weil daslängere Sprödethun des Liebchens schlecht dazu passt, undendlich nicht, weil Goethe auch in diesem Falle seine Quellesehr frei benützte.

Ich habe sie schon genannt, G. v. Loeper hat sie ge-funden. Goethe lagen in dem 1. Bande der Fundgruben desOrients S. 32 ff. Proben mit französischer, im 2. Bande S. 206solche mit deutscher Übersetzung vor. Er scheint aber nurjenen Artikel »Surle langage des fleurs« mit einem »Dictionnairedu langage des fleurs«, nicht auch diesen »Nachtrag zum sym-bolischen Wörterbuche der Hareme« benützt zu haben. Essind von den 48 Geschenken der Goetheschen Correspondentenzwei Drittel aus dem »Dictionnaire« genommen 1 , wovon nurfünf auch in dem »Nachtrag« zu finden sind ; kein dem »Nach-trag« allein eignes Zeichen ist bei Goethe verwerthet.

Viel selbständiger ist Goethe den Deutungen und Situa-tionen seiner Vorlage gegenüber. Mit dem »Nachtrag« be-rührt sich keine der seinigen; mit dem »Dictionnaire« nurwenige. Ich verweise für 125,25 »ich brannte« und 126,1 »Ichbrenne lichterloh« auf Fundgruben 1,36 »Vous etes ma flamme«,1,38 »brulant pour toi«, 1,42 »Mon coeur brule«. Für 126,6oder 10 »Willst meiner spotten«. »Du willst mich necken« auf1,40 »Ne te moque plus« und 1,42 »Ne te moque pas«. Für126,9.10 »Soll ich vertrauen«. »Du willst mich necken« auf 1,36»Tu me trompes«. Für 126,11 oder 14 »Soll ich verw'elken ?«»Willst mich zerknirschen« ganz allgemein auf 1,41 »Je me con-sume tout entier«. Für 126,20 »Ich leide« auf 1,39 »Je soupire,et je languis«. Für 126,32, 127,2 und 4 »Bist eingeladen«. »Ich

1 Mit kleinen Freiheiten in Zusätzen. Das »Dictionnaire« führtviermal »Haare« an, Goethe wählt »Haar vom Tiger«, »der Gazelle«,»Büschel von Haaren«; ebenso jenes: »Federn«, Goethe: »Feder vomRaben«, »Vom Papageien«; jenes: »Traube«, Goethe: »Trauben, dieweissen«, »die blauen«. Umgekehrt jenes specieller: »Golddraht«,Goethe nach dem Muster »Silber« nur: »Gold«.