Jahrgang 
10 (1889)
Seite
248
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Miscellen.

er das Zeichen der Vorlage entlehnte, zugleich die Deutungderselben übernommen: den wenigen Fällen, in denen einungefähres Zusammentreffen statt hat, stehen zahlreicheregegenüber, in welchen er das gleiche Zeichen ganz andersund gegensätzlich deutete. Auch diese Betrachtung beweistGoethes Selbständigkeit.

Man könnte endlich auch darum sich versucht fühlen,was Goethe vorlegt nur als disiecta membra eines Romanesgelten zu lassen, weil er die in der Umrahmung angewandteReimordnung nicht festhält; da wechselt männlicher undweiblicher Ausgang; im Roman wechselt das Reimgeschlechtnicht regelmäßig, es folgen einmal 13 weibliche Reime aufeinander, ein andermal 3 männliche; und es wäre auch nichtmöglich eine Ordnung herzustellen, weil die Zahl der weib-lichen Reime die der männlichen bedeutend übersteigt; eswäre also unmöglich, das Mittelstück der Umrahmung gemäßauszugestalten. Aber auch dies ist kein Beweis dafür, dassdas Mittelstück nur unzusammenhängende oder unfertige Theileeines Romanes enthalte: denn es handelt sich nicht umgereimte Erzählung, sondern um Reimbänder zwischen Zeichenund ihren Deutungen.

Es bieten also die Erklärungsversuche aus äusserlich ge-wählten Gesichtspunkten auch kein Ergebniss. Wollte mantrotzdem die Zeilen beliebig verschieben, etwa nach 126,18die Einladung des Kriegers und was darauf folgt 126,32 bis127,10 einfügen, darnach wieder mit 126,19 ff. einsetzen, beidePersonen also sich versöhnen lassen, so gewänne man allerdingsden Vortheil, dass dann der Zeichenroman mit dem be-ginnenden Briefwechsel sein Ende fände; aber ein künst-lerischer Abschluss wäre so nicht gegeben, nur ein äusserlicher.Auch liegt doch in den letzten Zeilen S. 12 7 eben so unverkennbardeutlich ein Abschluss vor, als in den ersten Zeilen S. 125 einAnfang. Gibt Goethe Anfang und Abschluss, so muss auch dieMitte so wie er sie vorlegt geordnet sein, eine Verschiebung wäreeine grössere Willkür als jede noch so kühne Auslegung.Man muss eben dabei bleiben, die Ankündigung eines »kleinenRomans« wörtlich zu nehmen; es spricht ja auch die stilistischeAusführung der Umrahmung dafür, dass das Umschlosseneeinen einheitlichen, vollständigen und fortlaufenden Sinn habe.

So muss die Erklärung in der obigen Weise wieder auf-genommen werden. Ich suche dafür noch eine Stütze. DieVoraussetzung des Correspondenzromanes bleibt der Wechselzwischen dem Liebenden und der Geliebten. Nun sind aberdie meisten Zeilen so farblos, dass sie von jedem der beidengesprochen werden können; nur 125,3 »Ein kühner Krieger«und 126,15 »Ich muss dich haben« verrathen bestimmt denmännlichen, nur 126,16 »Musst mich befreien« und 127,5