Jahrgang 
10 (1889)
Seite
250
JPEG-Download
 

2J0

Miscellen.

Diese Erklärung der Zeilen 126,19 ff. ist kaum künstlicherals die oben versuchte. Sie hat den Vorzug gleichen Personen-wechsels und bietet ferner die Vortheile, dass die rauhe Ant-wort 22 dem Krieger zugewiesen werden kann und dass Zeile25 und 27 dem Liebchen zufallen, dem sie besser anstehen,sie beseitigt aber die sachliche Unzukömmlichkeit des ange-bahnten Briefverkehrs auch nicht. Darnach würde nun derRoman verlaufen in zwei ziemlich gleichartigen Theilen:

I. Theil. Ein Krieger wirbt hitzig um eine Dame, sieweist ihn ab, lässt ihn dann zu, betrübt ihn durch Zweifelan seinen ernsten Absichten, vermahnt ihn zu Geduld, lässtsich schliesslich zur Entführung scheinbar herbei, die aberfehl schlägt. II. Theil. Sie nimmt das vorige Spiel wiederauf, er lädt sie ein, ihn zu besuchen, sie verspricht zu kommenund kommt doch nicht; er bricht mit ihr.

Ich halte meine Erwägungen nicht für eine voll befrie-digende Lösung dieses meines Wissens unerschlossenen Räthsels.Sie mögen einem glücklichem Finder die Irrwege zeigen,auf denen er nicht nochmals zu suchen braucht. Er darf sichauch nicht durch 126,16 auf das Motiv vom gefangenen Kreuz-ritter und der befreienden Sultanstochter führen lassen.

Bernhard Seuffert.

9. Zu Goethes Übersetzungen.

a) Diderots Essai sur la peinture. Für Entstehung undVeröffentlichung dieser Goetheschen Arbeit sei kurz aufStrehlkes Bemerkungen, Werke XXVIII, S. 45 fg. verwiesen, einemerkwürdige Stelle zur Würdigung der Arbeit in einem BriefeGoethes an H. Meyer, G.-J. III, S. 226. Von den 7 Kapitelnder Diderotschen Abhandlung hat Goethe nur zwei übersetzt.Vergleicht man übrigens die Überschriften dieser Kapitel mitdenen der von Goethe übersetzten, so sieht man, dass GoethesAusführungen über diese Überschriften (XXVIII, 69 ff.) nichtganz zutreffend sind: Diderot liebt es, in diesen Überschriftenetwas ironisch sich auszudrücken, mehr die Anderen als sichpersiflirend, und so liegt auch in der Überschrift: Mes petitesidees sur la couleur, das doch eine Nuance anders klingt alsdas wenn auch wörtlich übersetzte »Meine kleinen Ideen überdie Farbe« mehr Selbstbewusstsein als Bescheidenheit.

Goethes Übersetzung gibt die beiden ersten Kapitel voll-ständig ; das erste genau in der Reihenfolge des Originals,nur unterbrochen von den Anmerkungen, d. h. Widerlegungendes Übersetzers; das zweite in einer von Goethe beliebten,von dem Original durchaus abweichenden Reihenfolge; nurder Anfangs- und Schlusssatz findet sich auch bei Goethe an