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Die südöstlichen Gebirge von Graubünden und dem angrenzenden Veltlin / von G. Theobald
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243
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Die räumliche Ausdehnung, die Höhe und die wilde Schönheit der Gipfel, diegrossartige Ausdehnung der Gletscher, welche zwischen ihnen lagernd die Hoch-thäler füllen oder als lange Eisströme sich hinabsenken bis weit in die Regionender Weiden und Wälder, die malerischen Formen der Felsbildungen, stellen dasAlbigna-Disgraziagebirg würdig an die Seite des grossen Engadiner Hochgebirgs.Wir geben dieser bisher unbenannten Gebirgswelt obigen Namen nach zwei ihrerinteressantesten Punkte , dem grossen Albignagletscher und der höchsten Spitze,Monte della Disgrazia. Wenig besucht und bekannt, verdient, dieses schöne Ge-birgssystem nicht blos die Aufmerksamkeit des Forschers, sondern auch derjenigen,welchen ohne wissenschaftliche Einsicht nur die äusseren Formen gefallen.

Fassen wir den Bau und die Physiognomie des Ganzen ins Auge, so ist beidesweit weniger vielgestaltig, als am Bernina. Die Granitmasse beherrscht dasselbedergestalt, dass die Entwicklung aller anderen Gebirgsglieder zurücksteht. Da-gegen entwickeln die Granitberge grosse Mannigfaltigkeit der Gestalten. Meistzwar sind es breite, massige Stöcke, deren Gipfel eine auffallende Zerfallenheitzeigen, dagegen sehen wir auch schlanke Pyramiden mit glatt aufsteigenden un-ersteiglichen Wänden, schmale Nadeln, hoch aufgerichtete Platten, scharfkantigeGräte und auf diesen ruinenartige Felsgebilde, Zacken und Steinmänner, derenphantastische Formen an gewisse Dolomitgebilde erinnern. Die Gneisse undHornblendeschiefer haben die gewöhnlichen Formen der krystallinischen Schieferbei starker Erhebung, nämlich steil aufsteigende Gräte und bei deren Zerreissenkegelförmige Spitzen, so auch die Veltliner Schiefer (Sc), welche ihrer leichternVerwitterbarkeit wegen mehr zerfallene, durch Vegetation bedeckte Halden mittief eingerissenen Tobeln zeigen. Auffallend durch ihre steilen Formen undscharfen Umrisse der gleichsam zerhackten Gipfel sind die Malencogesteine undprägen der Seite des Gebirgs, wo sie vorherrschen, einen eigenthümlichen Cha-rakter von Wildheit und Unwirthlichkeit auf.

Eine Menge Thäler dringen in das Gebirg ein. Die auf der Bergeller Seitesind nur steile, tobelartige Einschnitte mit hohen Thalschwellen und steilen Felsen-absätzen; auch die der Ostseite haben diese Beschaffenheit. Von der Westseiteher greifen Codera und Val dei Ratti tiefer in die Centralmasse und sind eben-falls äusserst wild, mit steilen zerrissenen Thalwänden; die Südseite aber hatneben unzähligen Schluchten ein schönes weitverzweigtes Thalsystem an denMasinothälern, welche sich fast im Mittelpunkt des Gebirgs zu einem ebenfallsschluchtenartigen Ausgang vereinigen. Vergl. Hauptprofil 4.