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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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F. Schaltegger.

Die Königin verbringt seit 1824 jeweilen ihre Winter in Rom , da durch den Todihres Bruders, des Prinzen Eugen, ihr Aufenthalt in Augsburg , wo sie sich einzig, umihm nahe zu sein, niedergelassen hatte, zwecklos geworden war. Der Prinz Louis, ihrzweiter Sohn, begleitet sie, während der ältere Prinz Napoleon Louis sich das ganze Jahrin Florenz bei seinem Vater aufhält. So leben die beiden Bruder von einander getrenntinfolge der Uneinigkeit, die zwischen der Königin und ihrem Gatten herrscht. Der Auf-enthalt in Rom , fügt Fanny hinzu, wird dieses Jahr eine Zusammenkunft der kaiserlichenFamilie zur Folge haben, wobei niemand fehlen wird als der König Joseph * der inAmerika lebt, und die Königin Karoline,^ der die päpstlichen Lande verboten sind. DieKönigin wird dort ihren gewohnten Kreis von Künstlern und politischen Persönlichkeitenfinden, deren Zahl sich allem Anschein nach durch zahlreiche Franzosen vermehren wird,die der Regierung Louis Philipps feindlich gegenüberstehen und entschlossen sind, ihre Zelteauf römischem Boden aufzuschlagen.

Im übrigen will meine Schwester durchaus keinen Einfluß auf mich ausüben undbehauptet, ich sei ihretwegen ganz frei, zu oder abzusagen. Gleichwohl konnte sie nichtumhin, beizufügen, daß die Dame, deren Platz ich einnehmen soll, entschieden der Königinnicht mehr zusage. Den ganzen letzten Sommer hat Frau v. Brack sie begleitet.Jetzt ist die Königin allein und sucht eine Gesellschafterin. Wenn ich ihr im Verlaufedieser Probereise gefalle, wird sie mich fest anstellen. Das hat mich eben veranlaßt,sofort Ja zu sagen und meine Koffer zu packen. Das Vergnügen, die Königin auf ihrerReise über die Alpen zu begleiten, hätte für mich geringen Wert gehabt; aber die Aus-sicht, ihr Leben teilen zu können, ihr womöglich anhänglich zu sein, ihr anzugehören,wenn sie will, hatte ganz andern Reiz für mich! Wie ich nun einmal bin, konnte ichdiesem Reiz nicht lange widerstehen. In meinen unerfahrenen Augen stellt die Königindas Glanzvollste dar, was vom Kaiserreiche übrig ist. Einst die Stieftochter des Kaisers,dann seine Schwägerin, war sie an seiner Seite der Mittelpunkt aller Festlichkeiten undZeremonien. Als er auf dem Gipfel seiner Macht stand, war sie Hollands Königin.Von Anfang bis zum Schluß in beständigem persönlichem Kontakt mit ihm, hat sie ihnin seinem größten Ruhm gekannt .. Gewiß, aber seither? Seither weiß ich nichts vonihr. Meine kindliche Bewunderung läßt mir nicht viel Zeit zu überlegen, und ich gewahre,daß es eigentlich wenig sagen will, sie als Herrscherin und nach der Legende zu kennenin dem Augenblick, wo man ihr als Weib näher treten soll, um ihr zu dienen.

Man hat in Erfahrung gebracht, daß die Königin zeichne und singe, daß sie sichreizend zu kleiden und zu frisieren verstehe; mehr nicht. Papa als alter Republikanerist sich's selbst schuldig, aus alles zu Pfeifen, was mich interessiert. Er sagt, im Lebender Fürsten gebe es viele Dinge, die verdienen vergessen zu werden.Im übrigen kenntman sie nur zu gut" Nach diesem Ausfall seiner Laune geruht er doch, etwas vondiesem Übrigen zu sagen, und findet in seinem sichern Gedächtnis einige Daten, die ichsogleich meinem Gedächtnis einpräge. Die Königin heiratete im Januar 1802 Louis Bonaparte sie war erst 19 Jahre alt; 1806 bestieg sie den Thron Hollands; 1810 verließsie ihn wieder. Man nennt sie seit 1814 Herzogin v. St. Leu. Das ist ihr Pseudonym.Ihre Söhne Napoleon und Louis sind die einzigen Kinder, die ihr bleiben, seit der älteste,

* Joseph, der älteste Bruder Napoleons I., Exkönig von Spanien .

^ Karoline, Witwe des 1815 erschossenen Königs von Neapel , Joachim Murat