Buch 
Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
Entstehung
Seite
7
JPEG-Download
 

Am Hofe einer Exkönigin.

7

wieder nach seiner Residenz in Hechingen verreist. Er sieht aus wie ein 5060er undhat sehr lebhafte und geistvolle Züge. Man sagt, er sei gebildet, liberal und gleichandern deutschen Fürsten wenig entzückt von der hl. Allianz, in deren Schlepptau er sichhalten muß. Er war Generaladjutant des Kaisers und spricht mit Bewunderung vonihm. Die Julirevolution begrüßt er. (Ich vermute, daß er mit Fanüy darübergesprochen hat.)

Er ließ seinen Sohn, den Prinzen Konstantin, in Jnzigkofen zurück, und seineSchwiegertochter, die Prinzeß Eugenie/ Tochter des Prinzen Eugen. Diese, die sehr begierigwar, ihre Tante zu sehen, steckte mich mit ihrer Ungeduld an und vermehrte hiedurchnoch meine Aufregung; und als der Kurier kam, um die Ankunft der Königin zu melden,fühlte ich, wie meine Knie zitterten. Die Prinzeß Eugenie und ihr Gemahl waren ihrbis an den Eingang des Parks entgegengegangen. Fanny, Herr v. Womar und Herrv. Meyenfisch, ein Edelmann vom Gefolge der Fürstin Amalie, warteten am Füße derFreitreppe. Als man den Wagen hörte, ging auch die Fürstin dem Gast entgegen undließ mich allein und starr vor Angst mitten im Salon zurück.

Endlich kamen die beiden Reisenden zum Vorschein. Die schöne Gestalt der Königinerschien in einem enganliegenden Kleid aus rotem Wollstoff mit hellblauen Streifen,einem Seidenhut in gleicher Farbe, mit schwarzen Spitzen und schwarzem Florgarniert. Der Rock, nach jetziger Mode ziemlich kurz, ließ die niedlichen Füße in dunkel-blauen Bottinen und Strümpfen sehen. Sie hat die schönsten Hände von der Welt;aber ihr Gesicht ist nicht so schön wie ich's mir vorgestellt. Ihre Augen sind sehrangenehm, wenn auch weder in der Größe noch in der Farbe sehr bestimmt; die Naseist etwas lang, der Mund groß mit starken Lippen und falschen Zähnen. Aber nichtskann den Ausdruck ihres Gesichts, die Anmut und Würde ihrer ganzen Person undihrer Bewegungen wiedergeben.

Der Prinz Louis war vermummt in weitem Überrock, der ihn klein erscheinenließ. Er ist 22 Jahre alt, hat blonde Locken, regelmäßige Züge, wiewohl im Vergleichzu seiner Gestalt etwas stark, guten, sentimentalen, melancholischen Ausdruck, der sehrfür ihn einnimmt. Nachdem er seinen Erzieher, Herrn le Bas, der ihn mit Griechischund Latein plagte, ohne Bedauern, wie man sagt, entlassen, hat er mit Erfolg dieMilitärschule in Thun absolviert.

Die Fürstin hat mich sofort vorgestellt. Sie nennt die Königin immer noch, wieanno 1793, meine Kleine. Die Aufnahme, die meine künftige Herrin mir bereitete,zerstreute sofort meine Bangigkeit. Übrigens hatte ich kaum Zeit, ihr meine Reverenzzu machen; die Unterhandlung wurde auf später verschoben; denn kaum hatte man alleGrüße ausgetauscht, zog man sich zurück, um für das Abendessen Toilette zu machen.

Die Königin und der Prinz haben beide durch die Veränderung gewonnen. DerPrinz im Gesellschaftsanzug ist klein aber gut gewachsen, mit vollkommenem Ebenmaßder Glieder; er hat die Füße und Hände seiner Mutter; überhaupt hat er viel von ihrin seinen Zügen und Manieren.

Die Königin trug ein Kleid von sehr starker neapolitanischer Seide, rosafarben,tief ausgeschnitten und ohne viel Verzierungen. Eine große gotische silberne Kette hing

' Engcnie Napoleonc, geb. 1808, Tochter des Prinzen Engen, Herzogs von Leuchtenberg und derbayrischen Prinzeß Auguste Amalia , seit 1826 vermählt mit dem Erbprinzen Friedrich Wilhelm Kon-stantin von Hohenzollern-Hechingen. Ihr Vater war der Bruder der Königin Hortense .