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F. Schaltegger.
Fritz, der auf den Bock kommt, läßt seine Frau zurück. Herr und Frau Cailleau ihreKinder. Frau Bure ^ küßte ihren großen Säugling fünf- oder sechsmal; die Tränen, dieihr über die Wangen liefen, gaben ihren Zügen eine große Weichheit und zeigten, daßsie einst hübsch war; der Kaiser, der sich in diesen Dingen auskannte, faßte sie, als sieihm den Neffen in die Tuilerien brachte, vertraulich beim Kinn. Der Prinz blickteseufzend nach seinem Fido, der beim Packwagen blieb. Vinzenz Rousseau empfahl unsganz bewegt die Königin. Karl Thelin allein, in seiner Kurieruniform, ritt munter voraus,um Quartier und Pferde zu bestellen.
Die Königin hat mir erzählt, Karl sei bei der Kaiserin Josephine in den Dienstgetreten. „Von Malmaison ging er zu Prinz Eugen über, von dort weg hat sie ihn inihren Dienst genommen. Der Mann ist wertvoll für mich, er gibt mir Geld und läßtsich Quittungen von mir geben." Auch geberdet er sich als ihr Beschützer, was die Köuginsehr belustigt. Bei der dritten Station nahm er statt eines Pferdes ein Wägelchen, dasihn nach zehn Schritten in einen Graben warf. Lachend stand er auf und wir kamenmit dem Schrecken davon; glücklicherweise; denn ich weiß nicht, wie's die Königin ohneihn hätte machen wollen.
Louise Cochelet wartete unterwegs auf uns. Sie war von Wolfsberg herunter-gekommen, um die Reisenden noch zu umarmen. Weinend bat sie mich uin Nachrichten;sie wird der Königin unter meiner Adresse schreiben; es ist aber nicht sicher, daß sie sodie Aufmerksamkeit der italienischen Polizei täuschen kann; denn wenn Österreich dieKorrespondenz der Königin öffnen läßt, so kann sie das auch tun mit der ihrer Dienerschaft.Wir reden darum ab, statt Bourbon Bassard, statt Orleans Matrot, statt BonaparteNüzillard, und statt Republikaner Barillot zu schreiben.
Unser erster Halt nach Rorschach war Schloß Weinburg, Landgut der Erbprinzeßvon Hohenzollern-Sigmaringen . Die Aufnahme schien reizend zu sein; aber ich habefast nichts davon gesehen, und lauter Dummheiten gemacht. Die Königin hatte gesagt,sie werde sich nur eine Viertelstunde aufhalten und blieb dabei; aber diese Leute alle in sokurzer Zeit zu grüßen, brachte mich außer Fassung. Indessen hatte ich ein großes Vergnügen,diesen guten regierenden Fürsten wieder zu sehen und ihm einen Brief für Fanny mit-zugeben; dann verstaute ich mich mit Prinzeß Karoline, die in Tränen schwamm, aberfroh war, mit mir allein zu sein. Sie ist ein so liebes Kind, daß wir bald Bekannt-schaft schlössen; es gelang mir, sie zu trösten, indem ich ihr von Sigmaringen sprachund von allem, was ich dort gesehen habe.
Ihre Gegenwart in unserer Karawane und die Verpflichtung, die wir übernommenhaben, sie nach Venedig zu bringen, ist einer der Gründe, weshalb wir die neue Routedurchs Tirol einschlagen, aber nicht der einzige. Die Route über den Simplon oder denSt. Bernhard hätte die Königin nach Mailand geführt. Im gegenwärtigen Momentwill sie aber diese Stadt meiden, wo sie öfter Aufenthalt genommen hat zur Zeit, alsPrinz Eugen dort Vizekönig war, wo sie daher nicht hätte unerkannt passieren könnenund wo eine politische Agitation gärt, die dem Prinzen Louis gefährlich ist.
Diese Route also ist kürzer und sicherer, aber sie ist weniger malerisch und hübsch wiedie beiden andern. Hohenems ^ ist der merkwürdigste Ort, den wir heute passierten. Es ist eineganz jüdische Stadt und, da es Sonnabend war, feierte jedermann. Prinzeß Karoline
' Amme des Prinzen.
^ Frl. Masnycr schreibt: Hvnheim!