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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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hat viel gelacht über die Trachten, Gestalten und Gesichter. Ein Zirkus mit Pferden kampierteder Post gegenüber. Nach ihnen waren wir die merkwürdigsten Tiere; denn die Mengeließ jene im Stich, um unsere drei Wagen zu umringen, solange der Pferdewechsel währte.

Um 5 Uhr kamen wir in Feldkirch an. Ich war da schlecht untergebracht in einemgroßen Zimmer neben dem der Königin, wo man zu meiner großen Unbequemlichkeitund zusammenkam, so daß ich erst zum schreiben kam,' als alles zu Bett gegangen war.

Mals , 18. Oktober.

Bon Landeck, wo wir gestern übernachteten, folgte unsere Route dem Lauf desJnn bis nach Finstermünz; dann stiegen wir zu Fuß hinter den Wagen über Reschen empor und erreichten das traurige Dorf Mals . Das war der höchste Punkt, den wiraus diesem Alpenübergang erreichten. Von jetzt an geht's aus der andern Seite bergunter;aber lange Engpässe trennen uns noch von den italienischen Ebenen und von der schönenSonne, die wir dort aufsuchen.

Die Reise wäre langweilig und ermüdend ohne die beständig gute Laune der Königinund ihre Gabe, alles zu verschönern. Gestern, in Rheineck , beim Anblick eines Storches,der sich verspätet hatte, sagte sie scherzend, der habe auf uns gewartet und seine Begegnungsei für uns von guter Vorbedeutung. Heute sprach sie uns von den Feldzügen in Tirol,und gab darüber das Wort dem Prinzen, der hitzig ins Zeug ging und diese Geschichten.bis ins kleinste Detail zu wissen vorgab. Heute abend, vor einem schlechten Kartoffel-gericht, erklärte sie dem Gastwirt ihre Zufriedenheit und machte ihm Komplimente.Hienieden ist nichts gut als die Liebe", fügte sie bei.Nichts ist so kostbar und seltenwie die Treue der Herzen." Mir ward verboten, sie je mit Majestät anzureden; dieFremden mögen sie nennen wie sie wollen, aber zu Hause will sie für uns alle nichtsanders sein alsMadame". Alles wäre recht, wenn nur der Eifer der ihrigen,ihr zu dienen, nicht mir ein wenig lästig fiele. Die Geschäftigkeit der Frau Cailleauist schonmehr unerträglich. Da sie mit mir fertig sein will, wenn sie zur Königingerufen wird, kommt sie schon eine Stunde früher, mich zu wecken. Das ist mein Ärgeram Morgen. Am Abend reut mich die Zeit, die ich verliere zwischen der Ankunft imNachtquartier und dem Nachtessen. Heute hätten wir, Prinzeß Karoline und ich, gerneeinen alten Turm bestiegen, den wir von den Gasthoffenstern aus erblickten, oder wenigstensdie engen und krummen Gassen des Städtchens durchwandert. Aber man lud uns nichtdazu ein, und wir wagten nicht darum zu bitten.

Trient , 20. Oktober.

Gestern in Bozen hätte ich gerne unsern Abstieg über Meran beschrieben: DiesenBergbach, der bisher unsere Straße begleitet hat, und sich von der Höhe des Bergesherunterstürzt, um seine schäumenden Wogen mit denen der Etsch zu vereinigen; dieplötzliche Milde der Luft, das frische Grün, die Weingelände, die die Straße umsäumen,die Angst der Prinzeß beim Anblick zweier Kapuziner, die zwei Calabreser Banditenglichen. Aber es war mir unmöglich, eine Zeile zu schreiben. Um 7 Uhr hatte dieKönigin sich zurückgezogen, und ich wurde in meinem Zimmer, das an das ihrige stieß,förmlich blockiert, da ich nicht Zeit gehabt, mich mit Schreibzeug zu versehen.

Neben meinem Bett erinnert eine weiße Marmortafel in goldenen Lettern daran,daß der Papst Pins VI. hier übernachtet habe. Die Herberge war sehr reinlich; der