Buch 
Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
Entstehung
Seite
26
JPEG-Download
 

26

F, Schalteggcr.

Der zweite Akt ist für die Donna zu einer wahren Hinrichtung geworden. Man willsie absolut zu Fall bringen, weil sie der Frau Rubinis den Platz nehmen würde, derdes Volkes Abgott ist, und weil sie fatalerweise durch den Legaten protegiert wird. Diesmalhat das Orchester, das auch gegen sie verschworen war, nicht Takt gehalten; die Ärmstesang mit Augen voll Tränen. Endlich kam die berühmte Cavatine Rubinis, gefordert,erwartet und aufgenommen durch wahrhaftiges Beifallsgeheul. Man ließ ihn die beliebtestenStellen wiederholen, und schließlich verlangte man die Wiederholung des ganzen Stücks,was von Obrigkeit wegen verboten ist. Der Lärm dauerte eine ganze Stunde; zweimalmußte man den Vorhang herunterlassen. Zum Schlüsse konnte das Stück zu meinemgroßen Bedauern nicht beendet werden.

Die Königin war unzufrieden, da ihr Sohn und Neffe an der Kabale sich beteiligten.Die Prinzen behaupteten, sie hätten nichts anderes beabsichtigt als eine kleine Kundgebunggegen die Obrigkeit.

Florenz , 1. November.

Herr und Frau von Pepoli, der junge Felix und sein Erzieher sind gekommen,um der Königin Lebewohl zu sagen, und haben uns um 10 Uhr in den Wagen gehoben.

Die Umgebung Bolognas ist reizend. Wir fuhren zuerst über den von Palästenund prächtigen Häusern übersäeten Hügel. Das ist eine Eleganz im Häuserbau, die manin Frankreich noch nicht kennt. Der Tag ging dann zu Ende, indem in einer sehrreizlosen Gegend es bald auf- und bald abwärts ging. Ich ging eine Strecke zu Fuß,erst mit dem Prinzen, dann allein. Die Winde sind in diesen Bergen so ungestüm,daß die Wagen an einem Ort vom Wirbelwind erfaßt wurden; man hat eine starkeMauer errichten müssen, um Unglücksfällen vorzubeugen und die Straße zu schützen.

Nachdem wir das traurige Nachtlager von Caburaccio hinter uns gelassen,durchführen wir eine kalte Schneeregion, um ein paar Stunden später wieder sommerlicheHitze und Sonne zu finden. Beim Austritt aus den Bergen ist die Aussicht herrlich;aber die Ebene, die man durchführt, hat kein anderes Grün als das von grauenOlivenbäumen mit gebrechlichem und hängendem Astwerk. Die staubige Straße istzwischen langen Mauern eingeschlossen, so daß ich mich nach der Frische unseres lachendenJura sehnte. Sie sind so hoch, daß man nur den Himmel sieht, und man gelangtnach diesem schönen Florenz , ohne daß der Anblick der Stadt im mindesten uns gefallenund entzückt hätte.

Kurz vor der Stadt sind wir dem Prinzen Napoleon Louis begegnet, der seinemBruder und seiner Mutter entgegenkam. Er ist sehr elegant und anmutig, besonderszu Pferd. Das ist der Kaiser, jung und schön. Die Gesichtsfarbe hat er von derMutter, schwarze Haare, ein ausdrucksvolles Gesicht, sehr bedeutenden Geist, zumalwas Vernunft, Richtigkeit und Lebhaftigkeit der Gedanken anbetrifft. Physik undMechanik sind seine Lieblingsbeschäftigung. Er hat das Projekt einer Papierfabrik ver-wirklicht, deren Maschinen er konstruiert hat und deren Erzeugnisse vortrefflich sind.Er hat seiner Mutter Proben davon mitgebracht. Man verdankt ihm auch ein neuesVerfahren bei der Stahlerzeugung, dessen Verwendung er plant zur Herstellung vonInstrumenten und Waffen. Er hat eine Denkschrift über lenkbare Luftschiffe veröffentlicht.Die Prinzeß Charlotte, seine Gemahlin, kam ebenfalls aufs Essen zu uns und über-brachte der Königin die Grüße ihrer Mutter, der Königin von Spanien . Die Königin