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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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Julie wohnt seit 1815 in Florenz , zu welcher Zeit sie von ihrem Gemahl durch dieEreignisse getrennt worden war, da der König Joseph in Amerika seine Zuflucht suchenmußte. Die ältere ihrer Töchter, die Prinzeß Zenaide, hat ihren Vetter Charles Lucien,Sohn Luciens und Fürst von Musignano, geheiratet. Die zweite, Carlotta, war 1824im Austrag ihres Vaters durch Herrn und Frau Sary aus Amerika zurückgebrachtworden, und wurde für den Prinzen Napoleon bestimmt. Ein anderes Projekt in Bezugauf sie war, sie Herrn Patterson zu geben, Sohn Jörömes aus erster Ehe; aber derPlan Josephs siegte schließlich, und die Vereinigung fand statt im Jahre 1827. DieKönigin Julie hat seither ihre beiden Töchter bei sich und außerdem ihre Schwester,Frau von Villeneuve mit ihrer Nichte Juliette.

Die Prinzeß Carlotta ist sehr klein; man hatte sie mir als häßlich geschildert;ich habe sie aber fast hübsch gefunden. Sie hat die schönsten schwarzen Augen undintelligenten Gesichtsausdruck. Dieses junge Pärchen scheint sehr eng verbunden; leiderhaben sie keine Kinder. Über Tisch hat man von Politik geredet und zwar sehr heiter.Es ist ein Vergnügen, das Einverständnis und die brüderliche Liebe der beiden Prinzenzu beobachten. Ihre politischen Gedanken decken sich; beide lieben die Republikaner , obwohlder ältere vielleicht diese Gesinnung ruhiger, philosophischer nimmt, der jüngere mehrmit jugendlichem Feuer. Die Königin, obwohl gütig, aufgeklärt und gerecht, neigt im Gegenteilzur absoluten Gewalt, in Erinnerung an die glänzende Zeit des Kaiserreichs. Sie fügtebei, es komme ganz darauf an, wie einer gestellt sei. Die Prinzen hätten gut machen;wenn sie je sich an Unruhen beteiligen wollten, würde man doch nicht an die Aufrichtigkeitihrer republikanischen Ansichten glauben; man würde sie, ihnen selbst zum Trotz, immerzum Autoritätsprinzip, das nun einmal in der öffentlichen Meinung mit ihrem Namenverknüpft sei, in Beziehung setzen.

Die Ankunft des Prinzen Louis Lucien, dritten Kindes des Fürsten von Canino,ließ die Unterhaltung abschweifen, die nach seinem Weggang den Faden wieder aufnahmüber die alten Zwistigkeiten zwischen Lucien und dem Kaiser. Die Öffentlichkeit hat sich sehrdamit beschäftigt, ohne Zweifel wegen der bedeutenden Rolle, die Lucien am 18. Brumairegespielt; man hat ihn für einen leidenschaftlichen Republikaner ausgegeben, der den Despo-tismus des Säbels fliehe, und lieber Frankreich verlassen habe, als dem Eide untreuzu werden, den er der einen, unteilbaren Republik geschworen. Aber der wirkliche Bruchzwischen ihnen datiert vom Jahre 1803, und die Ursache davon war nicht politischer Natur.

Lucien hatte 1795 Christine Boyer geheiratet, eine schlichte, ehrenwerte, bescheideneFrau aus obskurer Marseiller Familie. Diese Heirat hatte Madame Msre weder wasVermögen noch Stellung betrifft, befriedigt; aber sie hatte der Wahl ihres Sohnes nach-gegeben. Frau Lucien war immer wohl gelitten bei der ganzen Familie. Sie starbjung und hinterließ zwei Töchter, die unter den Augen der Madame Msre erzogenwurden. Die ältere, Charlotte, hat den Prinzen Gabrielli in Rom geheiratet. Diejüngere. Christine, war in erster Ehe mit dem Grafen Arved Posse, einem schwedischenEdelmann, der brutal und verrückt war, vermählt. Der König Bernadotte ließ dieEhe für ungültig erklären, die vielleicht nicht einmal wirklich vollzogen war. Seither hatChristine Bonaparte den Lord Dudley Stuart geheiratet, der vielleicht weitläufig von derFamilie der alten Könige von England abstammt.

Witwer geworden, verliebte sich Lucien in Frau Jouberthon, Gattin eines Lebens-mittelhändlers, der sich während der Kriege der Republik bereichert hatte. Sie war