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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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35
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Am Hofe einer Exkönigin.

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Die Königin scheint vollkommen glücklich inmitten der Ihrigen. Heute sagte sie mir:Eines der größten Kümmernisse meines Lebens war für mich die Trennung von meinemSohn Napoleon , da die schwache Gesundheit und der wunderliche Charakter seinesVaters mich alles fürchten ließen; aber die gute Natur seines Sohnes hat alles über-wunden. Die Prinzen sollten vollkommen sein, weil sie der Beachtung und der Kritikausgesetzt sind; deshalb ist die Erziehung der wichtigste Teil ihres Lebens ... MehrerePersonen haben gemeint, ich verwöhne meine Söhne, weil ich sie liebe. Sie warenim Irrtum: je mehr eine Mutter ihr Kind liebt, umso strenger muß sie mitihm sein..."

Dann kam sie aus ihre vergangene Größe zu sprechen und sagte, sie sehne sichnicht zurück und habe nur schlimme Andenken an jene Zeit. Die Brüder und Schwesterndes Kaisers waren eifersüchtig auf sie; ihr Betragen und ihre Verleumdungen bereitetenihr unendlichen Verdruß. Nach den großen Krisen, die ihre Existenz untergruben, alswirkliche Verluste, die sie liebte, sie belehrten, daß das Maß ihres Unglücks noch nichtvoll sei, schöpfte sie aus dem Übermaß ihrer Leiden neue Kraft. Sie schrieb ihreErinnerungen nieder und fühlte sich wie erlöst von der Last, die ihr Herz bedrückte.Sie warf einen Schleier über die Vergangenheit und suchte sie zu vergessen; seither hatsich ihre Gesundheit wieder gebessert. So sehr hängt selbst unser physischer Zustand vonunserem Willen ab.

Sie gesteht, ihr Herz habe anläßlich der letzten Ereignisse in Paris neue Hoffnunggeschöpft und eine neue Zukunft für ihre Söhne erwartet. Um ihretwillen habe sie dieRückkehr nach Frankreich gewünscht; denn ihr Leben sei abgeschlossen und sie hätte imGegenteil sich gefürchtet, wieder an Orten zu erscheinen, wo sie einst einen höhern Rangeingenommen habe, als sie jetzt beanspruchen könnte.

Die Lage Louis Philipps erscheint ihr unsicher; zum Beweis führt sie an denRücktritt der Herren Guizot, de Broglie, Louis Molch Casimir Perier , Dupin, unddas neue, am 2. November durch Herrn Lafitte gebildete Ministerium. Trotz alledemhat das neue Königtum Bestand, und es ist immer leichter, dem, was ist, Dauer zuverleihen als dem, was nicht ist.

Der Prinz Napoleon seinerseits sagt, die Familie Bouaparte hätte vielleicht gutdaran getan, in Paris ein Tageblatt als Organ ihrer Interessen zu gewinnen, und erhabe einen Augenblick daran gedacht; aber hiezu wäre ein Opfer von 50000 Fr.erforderlich, das die Königin allein nicht bringen könne, und die andern hätten nichtsdafür tun wollen. Ich saß im Wagen ihm gegenüber, als wir in Cascine eine Spazier-fahrt machten. Er will, daß ich Italienisch lerne, und hat mir selbst eine Stunde gegeben;er sagt Gedichte von Berchet her, die ich auswendig lernen soll. Er ist so gut undbescheiden! Ohne seine Pfeife, seine Tabaksdose und die kleinen Ohrringe, die er hat,wäre er ganz mein Held. Von einem wenig kostbaren Pferd, das er schätzt, weil er esdressiert hat, erzählte er eine Gewaltsleistung, die er dem armen Tier zugemutet hat.Eines Tages, als er von einem langen Spazierritt nach Florenz zurückkehrte, gewahrteer eine Feuersbrunst in der Ferne, eilte aus Neugierde hin, tröstete die armen, ver-zweifelten Bauersleute, rettete ihr Getreide und den Hausrat, indem er die Rettungs-arbeiten leitete, eine Kette bilden ließ und aus Mangel an Wasser den Brand mitRasenstücken löschte, wobei er sich die Haare versengte. Bei alledem fand er nichts zuloben als die sechs Meilen, die sein Pserdchen im Galopp zurücklegte.