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F. Schaltegger.
Die Königin, die an ihre demnächstige Abreise dachte, wollte hierauf den Besucherwidern, den sie von Lady Normanby empfangen hatte. Der Lord hat sich seit zehnJahren in Italien niedergelassen. Da er zur parlamentarischen Opposition gehört, nahmer seinen Sitz im Parlament nicht ein, um seinen Vater, der ministeriell ist, nicht vorden Kopf zu stoßen.
Die Engländer, aus Sucht sich so bequem als möglich einzurichten, geben ihrenSalons das Aussehen von Trödelbuden. In der Mitte des Zimmers machen Kanapeessich breit; dann große Polstersessel von allen Formen, so weich, daß man sie für Kranken-stühle halten könnte; eine Menge Tische, mit allerhand Gegenständen beladen, deren Ver-einigung „ein kleines Dünkirchen " heißt; Blumen, Kupferstiche, Bücher, Albums, Zeich-nungen. Der Palast der Lady Normanby enthält u. a. auch einen Theatersaal. Siegibt darin gerne Vorstellungen, denen die Königin hätte beiwohnen sollen. Die Königinversprach es für den Frühling und ging zur Königin Julie, von wo mich der Wagennach Hause führte.
Dort fand sich ein junger Belgier vor, Herr Verhulst, ein Mann von vielleicht25 Jahren, linkisch im Benehmen, blaß, mit ziemlich ausdrucksvollen, grauen Augen.Er stellte sich vor als Schützling der Gräfin X.... letzten Sprößlings des Hauses Medici.„Er ist ein Schwätzer", hat der Prinz Lonis gesagt; „was tut er hier, wenn man sichdaheim für die Freiheit schlägt?" Der Schwätzer entschuldigt sich mit seiner leidendenGesundheit. Ich hab' ihn beiseite genommen; er hat mir anmutig gesagt, seit er inItalien weile, sei das das erstemal, daß er mit einer hübschen Frau sich über Politikunterhalte.
Die französischen Ideen sind in Spanien unterlegen; die Konstitutionellen habenmit ihren Bestrebungen Pech; und Mina und Valdes haben keinen Anhang mehr.Die Franzosen seien im Irrtum, meinte Herr Verhulst, wenn sie glauben, Belgien seidarauf erpicht, zu ihnen zu gehören. Vorerst wolle es von Holland loskommen undwomöglich unabhängig leben. Sollten aber die Umstände es zwingen, sich unter denSchutz eines Nachbarvolks zu stellen, würde es die Franzosen jedem andern Volke vor-ziehen, weil es bei ihnen Absatz zu finden hoffe für die Erzeugnisse seines Gewerbfleißes.Aus gleichem Grund hätte ein Sohn Louis Philipps eher Aussicht auf den belgischenThron berufen zu werden, als August von Leuchtenberg oder ein anderer deutscher Prinz.
Sie na, 15. November.
Heute morgen ist der Prinz Napoleon Louis zu uns zum Frühstück gekommen;dann hat er uns zu Pferde bis zur zweiten Poststation begleitet. Es war eben das Festder Königin und ihres Bruders, weiland Prinz Eugen . Sie will nicht, daß man ihrdazu Glück wünsche, seit ihr Bruder nicht mehr lebt. Der Prinz Napoleon erklärtemir das und empfahl mir, über seiner Mutter zu wachen, indem er mir durchs Wagen-fenster ein Veilchenbouquet reichte, das ich sofort an meiner Brust befestigte und vondem ich ganz umduftet wurde. Es waren jene großen blassen Parmaveilchen, welche dieKönigin bei den Franzosen in Mode gebracht hat. Weil das ihre Lieblingsblumen sind,werden sie auch die meinigen sein; ich habe gegenwärtig zu viel Gründe, sie zu lieben.
Während der Reise ist mein lieber Prinz öfters an den Schlag meines Wagensgekommen. Er ist von vollendeter Ritterlichkeit und so schön, ohne dessen bewußt zu