Am Hofe einer Exkönigin.
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sein! Bei der ersten Poststation fand er sein schwarzes Pferdchen vor und unterhielt sichunterwegs damit, es in allen Gangarten und Künsten glänzen zu lassen; er handhabtes auf die anmutigste Weise der Welt. Aber als er uns verließ, vollzog sich die Abreiseunserer Wagen so schnell, daß er mir nur noch zum Abschied mit der Hand winkenkonnte, was er allerdings ganz mit dem wohlwollenden Ausdruck seiner sanften Mienetat. Ich weiß nicht, was mich an dieser so plötzlichen Trennung mehr betrübte, ob dasschlechte Wetter, durch das er sich bis auf die Haut durchnässen ließ, oder die gute Miene,die er zum bösen Spiel machte, als ob er nichts davon gemerkt hätte.
Jetzt ist's vorbei mit der vollkommnen Harmonie, in welcher wir bisher gelebthaben. Der Prinz Louis, so gut er ist, hat nicht das ansprechende Wesen seines BrudersNapoleon ; etwas Undefinierbares an ihm, das vielleicht nur in mir selber liegt, hältmich zuweilen vor ihm zurück und macht mir seine Annäherungsversuche peinlich. Ichreise im Wagen der Königin; zur Seite der Frau Cailleau geht's durch fruchtbare undbewaldete Hügelketten, die nicht selten von Festungswerken oder Schlössern gekrönt sind;aber znm vollen Reiz der Landschaft fehlt das Wasser, und mein Interesse ay der Gegendstumpft sich allmählich ab.
Siena hat sehr enge Straßen und sehr hohe Häuser. Das gibt der Stadt zuder späten Stunde, in der wir anlangen, ein sehr düsteres Aussehen. Nach dem Essengeht der Prinz nach den Pferden sehen, und ich bleibe bei der Königin, um von Politikzu reden.
„Die Erhebung des Kaisers", sagte sie, „war das Werk der Umstände und seinerglänzenden Gaben. Wer sich ihm näherte, fand seine Macht ganz natürlich, weil sieihm sozusagen allmählich und von selbst zufiel." Dieser hervorragende Mann war gut;er verdiente mehr Anhänglichkeit und Ergebenheit, als er unter den Seinigen gefundenhat. Kann man zum Beispiel verstehen, daß, als er nach der Insel Elba ging, dieeinzige Sorge der Kaiserin Marie Louise im Augenblick die war, ob sie wohl genötigtsein würde, ihm dahin zu folgen. Die Königin war im Gegenteil stolz darauf, daß siedie erste war, die ihn bei seiner wunderbaren Rückkehr vom 20. März in den Tuilerienwillkommen hieß. Nach dem Tag von Waterloo hat sie ihn in Malmaison aufgenommenund mit den zartesten Sorgen umgeben. Sie und die Königin Katharina' sind die beidenFrauen der Familie gewesen, denen er am meisten Achtung bewiesen hat. Sie verdanktihm alles und liebt sein Andenken über alles.
Die Apenninen sind düster und unsicher, und da der Rest unserer Etappe sichnachts bei angezündeten Laternen vollzog, packte die Königin die Furcht, und sie begehrtezwei Dragoner als Eskorte. Mit dem Prinzen Louis, den drei Bedienten und denvier Postillionen fehle es ja nicht an Leuten; aber diese verdienen wirklich wenig Vertrauenund stehen gewöhnlich mit den Räubern im Einvernehmen.
Die Gegend wurde erst wieder hübsch und malerisch, als die Dunkelheit uns nichtmehr erlaubte, einen Genuß davon zu haben. Es war 8 Uhr abends, als wir an denbewaldeten Ufern des Bolsenasees anlangten. Nach einem schlechten Nachtessen in schlechterHerberge begaben wir uns bald zur Ruhe. Unsere Tischgenossen waren eine französische
' Die Gemahlin Jörömes, eine württcmbcrgische Prinzeß.