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F. Schaltegger.
Baronin mit Tochter, die nach Rom reisten, und neun Jesuiten , die auch von Frankreich herkamen. Die Ultras reisen allein diesen Winter, weil sie vor der Revolution fliehen;die andern halten sich in Erwartung der Ereignisse still zu Hause.
In dieser Herberge zu Bolsena hat der Prinz Louis durch einen Postillion erfahren,daß sein Vater auf der Rückreise nach Florenz in Viterbo übernachtet hatte. Sogleichging er spornstreichs dem König entgegen. Bis nach Montefiascone besetzte ich seinenPlatz neben der Königin. Da hielten die Wage» der Königin und des Königs neben-einander an, ohne daß eines seinen Wagen verließ. Hch entfernte mich, um sie ungestörtzu lassen. Der König hat einen sehr schönen Kopf; aber er ist gichtisch, hat großen Leibes-umfang, und das Gehen macht ihm Beschwerden. Sein Sohn Louis gleicht ihm, besondersin der obern Gesichtspartie; das Profil ist ganz dasselbe. Nur in den Augen, Mundund Gesichtszügen hat der Prinz Ähnlichkeit mit der Königin. Der König verlangt nachihm und will, daß man ihn ihm bald zurücksende.
Die Königin schien traurig nach dieser so frostigen, kurzen Begegnung, welche siefürchtete und um alles zu vermeiden suchte, und die nur ein neues Mißverständnis bildetzwischen ihr und ihrem Gatten. So trägt sie die Strafe einer unglücklichen Verbindung,welche die Politik ihr aufnötigte, das Herz aber nicht zulassen konnte, und weder dasExil noch die Zeit noch das gemeinsame Unglück haben den beiden Gatten das Band,das sie an einander kettet, erträglich gemacht.
Seit 1808 sind sie endgültig geschieden, da die Königin in Paris , der König imHaag wohnte; er verlangte dahin den damals vierjährigen Napoleon Louis und beriefsich dafür aus das kaiserliche Statut, nach welchem die jungen Prinzen der Familie erstvom siebenten Jahre an in Paris erzogen werden sollten. Der Kaiser verhinderte ausWohlwollen für die Königin die Anwendung seiner eigenen Befehle auf seinen Neffen;aber er beklagte oft alle diese Plänkeleien, die zum Ende des Königreichs Holland undzur Einverleibung dieses Landes in das französische Kaiserreich mitwirkten.
Der König Ludwig , der 1810 abgedankt hatte, tauchte unter und verschwand als-bald so vollkommen, als ob er gestorben wäre oder die Kutte angezogen hätte, um sichin ein Kloster zurückzuziehen. Man fand seine Spuren in Teplitz , dann in Graz , woer zwei Jahre lang lebte. Seinem natürlichen Hang nach dem Sentimentalen nachgebendschrieb er: „Marie oder die Holländerinnen", ein Roman, in dem er sein eigenes Lebenund die Geschichte seiner vereitelten Heirat mit Emilie de Beauharnais erzählt, dienachher die berühmte Frau de Lavallette geworden ist.
Die unglücklichen Ereignisse von 1813 brachten ihn wieder zum Vorschein; erging nach kont 8ur Lsins, ins Schloß der Madame Msre; aber dieser kranke Mond-süchtige konnte seinem Bruder nicht mehr von Nutzen sein; er bewies das durch seinenseltsamen Vorschlag, nach Holland zurückzukehren, um hier seine früheren Gewalten wiederzu übernehmen. 1814 bestand seine ausgespielte Rolle darin, Marie Louise nach Blois zu begleiten; nach der Abdankung seines Bruders in Fontainebleau begab er sich nachItalien . Von da aus strengte er vor französischen Gerichten gegen seine Frau den Prozeßan, durch welchen sie sich gezwungen sah, ihren Sohn Napoleon Louis herauszugeben.Seither lebt der König bald in Rom , bald in Florenz . Im Jahr 1820 hat er dreiBände voll gestopft mit Urkunden über Holland herausgegeben, von denen der Kaiser inSt. Helena Kenntnis erhielt, und die er ihm in seinem Testament ausdrücklich verziehenhat. Seither von Reue ergriffen, hat er die verleumderische Geschichte widerlegt, die