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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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Sir Walter Scott über seinen Bruder geschrieben hatte. Seine kleinen Gedichte undSchriften übergehe ich.

Die Verkettung dieses seltsamen Gebens hätte genügt, mich melancholisch zu stimmen,auch wenn die Landschaft nicht beständig düsterer und einsamer geworden wäre, je mehrwir uns Rom näherten. Dann und wann ein Dorf, zerstreute Hütten, einige Ziegen,die welkes Gras und dürres Gebüsch benagten; das war alles, was man in diesemberühmten Latium vorfand. Von Bewohnern sind wir nur Dieben begegnet, die zuzweien an den Händen gefesselt oder von Soldaten geführt auf Karren gebunden waren.Die Postillione galoppierten wie verrückt, als ob sie Eile hätten, ein Ende zu machen.So reist man in den päpstlichen Staaten. Zwei Pferde stürzten nacheinander vor demWagen der Königin, die glücklicherweise mit dem Schrecken davonkam.

Rom ! Dieser Name ist vielsagend. Es ist zugleich Weltgeschichte und die ein-dringlichste Lektion von der Nichtigkeit menschlicher Größe. Zwei Meilen vor Rom Passierten wir den Tiber auf einer schönen Brücke, die in der Mitte durch ein Torverteidigt wird. Ein Rest des Tageslichts gestattete uns, die schlammigen Fluten diesesso oft besungenen Flusses zu sehen. Der Weg, den wir noch zurückzulegen hatten, verliefzwischen Mauern, die nichts sehen ließen und deren Eindruck mir unangenehm war.Meine Traurigkeit nahm beständig zu. Es war ein Unbehagen ohne vernünftigen Grund,aber doch nicht ohne Ursache; denn man täuscht sich nicht mit Vorahnungen; und ichbin sicher, irgendwas bedroht die Königin; in diesem Lande wird ihr Unheil begegnen.

Rom , 19. November.

Mir scheint, das Wort Palazzo deckt sich nicht mit dem französischen Wort: Palais;sondern bezeichnet etwas, das für Italien charakteristisch ist. Dieser Palazzo Ruspoli wenigstens, den wir bewohnen, zeigt ein wunderliches Gemisch von Unordentlichkeit undLuxus, von Pracht und Verlassenheit. Seine Treppe aus weißem Marmor ist schwarzbei unserer Ankunft; die Königin weiß sprachlos nicht, wohin sich wenden, mit wem siesprechen soll: Die Dienerschaft ist seit fünf Tagen in Rom ; aber in der Meinung, die Herrinkomme nicht vor morgen, hielt sie's nicht der Mühe wert, sie zu erwarten, und warspazieren gegangen.

Sie nimmt diese Widerwärtigkeit mit gewohnter Anmut hin und macht sich selbstdafür verantwortlich wegen ihrem Zögern, Florenz zu verlassen und wegen der langenUngewißheit über den Zeitpunkt ihrer Abreise. Sie hat mir sofort ihre Gemächer gezeigt,welchen sie das nämliche heimelige Aussehen zu geben gewußt hat wie ihrem Hause aufArenenberg . Zuerst tritt man in eine Gemäldesammlung; die Königin hat darin dieÜberreste der Sammlung vereinigt, die sie angelegt und die sie Anno 1815 hat ver-äußern müssen. Die Bildnisse der Familie Bonaparte , des Kaisers, in allen Lebensalternund in allen seinen Anzügen, füllen den großen Hauptsaal. Nachher kommt ein Musik- undSprechzimmer mit andern kleineren Gemälden, einem großen runden Tisch und einem Klavier.

Die einzige Person, die wir entdecken, ist eine Negerin der Kaiserin Josephine ,welche beim Wiedersehen der Königin weint und schluchzt. Sie heißt Malvine. Siewar in Paris im Elend; dann ließ man sie nach Arenenberg und von da hieher kommenmit dem Gepäckwagen. Ich hatte sie noch nicht gesehen. Sie wird in einem Kämmerchenneben mir wohnen.