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F. Schaltegger.
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Als Frau Lacroix und ihre Tochter Hortense endlich erscheinen, nimmt sich dieKönigin nicht Zeit, den Haufen Briefe, den sie bringen, zu lesen; sie ißt schnell zu Abend,um mit ihrem Sohn Madame Märe aufzusuchen. Bei der Rückkehr tritt sie einen Augen-blick bei mir ein und fragt, ob mir nichts fehle — ist's auch möglich gütiger zu sein? —und entwirft in großen Zügen das Programm, das wir hier einhalten werden. Wirwerden nicht ins Theater gehen, was mir freilich Vergnügen gemacht hätte; aber wirwerden keine Zeit dafür haben. Sie will jeden Tag bis 3 Uhr zu Hause bleiben, umihre 1816 begonnenen und 1820 liegen gelassenen Denkwürdigkeiten wieder vorzunehmen.So werde ich die Morgenstunden frei haben bis auf die Korrespondenz, mit der ichbetraut sein werde. Hortense Lacroix, als ständige Sekretärin, hat eine große männlicheHandschrift; die meine konveniert besser, weil sie derjenigen der Königin gleicht. Daherist es zu begreifen, daß die Arbeit, auf gewöhnliche Briefe zu antworten, ganz auf mirliegt, und daß viele glauben, einen eigenhändigen Brief der Königin zu haben, währendsie nur einen von mir haben. Was die Besuche anbetrifft, die zu machen und zu empfangensind, so bleiben Donnerstag- und Samstagabend der Madame Märe gewidmet; sie wünscht,daß man da ein wenig Musik mache, und so bin ich fast verpflichtet, dabei zu sein, wasmir höllische Angst verursacht.
Unterdessen fürchte ich, Rom ebenso wenig und schlecht zu sehen wie Florenz . Aberdie Güte der Königin hat ihr letztes Wort nicht gesprochen, und ihr strenger Lebensplanist vielleicht nicht unabänderlich. Zum Beweis genügt mir diese Flut von Besuchern, dieihre Türe belagern, seit ihre Anwesenheit in Rom bekannt geworden ist.
Ein dicker Herr Fvntanelli, Kammerherr des Königs von Bayern , wurde sehrausgefragt, da er von Paris kam und Nachrichten von dort mitbrachte. Ein HerrDelcinque, römischer Aristokrat, ein kleiner brauner Mensch, lebhaft, unruhig; ein Grafv. Gentili, den wir schon in Viterbo trafen; eine Marquise Cortilepri, die nicht fran-zösisch spricht, und ihr Sohn, ein allerliebster Knabe; ein kleiner Tenor Angelini, derlangweilt und den die Königin, um ihn los zu werden, zu singen einlud; der junge FürstRuspoli, ein großer, schöner Mensch, Sohn des Bischofs, Eigentümer des Hauses, gingendem Durchzug der Franzosen voran.
Von diesen blieben mir hauptsächlich in Erinnerung Herr und Frau Feray undder Marquis von Rougö. Der erste, ein reicher Händler, ein wenig vom „Ultrazismus"angesteckt, scheint den großen Herrn zu spielen; er ist der Vater der Frau de Champlonis,Gemahlin des Präfekten von Straßburg und von Fräulein Salvandy, und zählt zu jenenGetreuen der Königin, die seit den ersten Jahren der Verbannung auf Arenenberg inSandegg bei Louise Cochelet aus- und eingingen. Fräulein Feray, seine Nichte, entwirftMusikprojekte mit mir; eine kostbare Hilfe für unsere Samstagabende.
Herr von Rougö ist der Sohn jenes Marquis von Rougö, der ganz kürzlich noch unterdem Herzog v. Mortemart ' bei der Schweizergarde diente und in der Pairskammer saß.Es ist ein junger Mann von 25 Jahren, lebhaft, geistreich, voll Hülfsmittel, aber einkonfuser Kopf. Er war der hiesigen Legation attachiert unter Charles X . Da er durchdie neue Regierung nicht ersetzt wurde, ist er auf seinen Posten zurückgekehrt, ganz glücklich,Paris , wo die Dinge nicht nach seinem Geschmack gehen, hinter sich zu lassen. Man
> C. L. Victurnien v. Rochechonart, Herzog von Mortemart, einst Legitimist, dann einer derOrdonnanzoffiziere Napoleons , ging nach Napoleons Sturz wieder zu den Legitimsten über und warunter Louis Philippe französischer Gesandter in Rußland .