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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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begreift ihn nicht recht, wenn man ihn hört, und offenbar weiß er selber nicht, was erwill; er bedauert den Tod des Kaisers, läßt keinen guten Faden an den Bourbonen, findet,es sei ein Glück, daß man diese los geworden sei; aber er fällt auch auf den König herein,und endlich fürchtet er die Republik über alles in der Welt. Er spottet über Karl X. ,den Dauphin, und beweint die Schicksale dieser Familie. Er ist ein schwärmerischerBewunderer der Königin, die er durch sein Geschwätz belustigt. Sie sucht ihn zu über-zeugen und will, daß er vor allem Franzose sein soll wie sie und ihre Kinder.

Schon glaubte sie, für diesen Tag frei zu sein, als die Brasilianer der Gesandt-schaft bei der Komplet erschienen. Die Königin ist die Tante ihrer Kaiserin seit derVermählung der hübschen Prinzessin Amalie mit Dom Pedro, die letztes Jahr gefeiertwurde. Ich befand mich im Salon allein den vier Männern gegenüber, die mich indie Enge trieben, als der Prinz ankam. Er wechselte mit dem Minister einige Worteaus Italienisch . Die Königin ihrerseits unterhielt sich mit dem Geschäftsträger, der dieMiene eines verdienstvollen Mannes hat. Ich hatte den jüngsten und hübschesten derBande. Der vierte, ein hellfarbiger Neger, blieb stillschweigend.

Dem Süden folgte der Norden in der Person der Gräfin Samoiloff, einer jungen,lebhaften, originellen Frau, die, ohne hübsch zu sein, durch ihr Mienenspiel gefällt. Siehat einen unschönen Kopf, aber ein gutes Herz und begeht ihre Torheiten mit einerOffenheit, die ihr beinahe Verzeihung erwirkt. Sie war auf solch eigentümliche Weisefrisiert, daß sie an Azor in der OperZemire" gemahnte; daneben ein Kaschmirkleidund eine Perlenschnur im Wert von 100000 Franken. Ihre Voreingenommenheit fürNapoleon trat zutage in dem Bericht, den sie uns von den Juliereignissen erstattete;sie war über diese Zeit in Paris . Ein Russe der Gesandtschaft nahm ihr gegenüberden gegenteiligen Standpunkt ein. Er hat einen Arm zu wenig; ein ausdrucksvolles,regelmäßiges Gesicht; seine Ansichten sind uns ungünstig. Er zog die Popularität desKönigs ins Lächerliche; er lasse sich für fünf Franken sehen, sagte er. Ein Engländerhatte diese Summe Straßenjungen gegeben, die darauf so lange schrien, bis der Königsich auf dem Balkon des königlichen Schlosses zeigte. Ein anderer ließ für zehn Frankenund mit denselben Mitteln vor Louis-Philipp die Marseillaise singen.

Weder die Königin noch ihr Sghn können über ein solches Thema alles sagen,was sie denken; aber es ist schwer zu glauben, daß sie an der Unterhaltung Geschmackgefunden hätten. Zuletzt haben wir den preußischen General Lepel, der mir ein Mannvon Geist schien, bei uns gehabt. Die Königin ist ihm sehr anmutig begegnet, da ervon ihrer Base, der Großherzogin Stephanie von Baden , herkam. Ein Marquis undMarchesa Potentia veranlaßten uns, Kupferstiche anzusehen; das ist ein Notbehelf,wenn die Unterhaltung stockt und man nichts mehr zu sagen hat. Zwei französischeKünstler haben von Politik gesprochen. Das ist das Tagesgespräch; jeder modelt esnach seiner Weise, und die Königin duldet alle Ansichten.

Das Ereignis des Abends war ein Brandausbruch in meiner Garderobe. Ichhätte bei diesem Anlaß gerne die Freude der Dienerschaft geteilt, die in diesem Zufalldie Ankündigung künftiger glücklicher Ereignisse sehen. Allein meine Ahnungen von neulichkamen mir wieder in den Sinn und haben mich im Verein mit Übermüdung lange amEinschlafen gehindert.