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F. Schaltegger.
welchen die Ehre der Mutter vor dem Leichnam des Kindes in Zweifel gezogen wurde.Die Annahme ist berechtigt, daß diese neuen Prüfungen bei der Königin eine unheilbare,innere Empörung und den Sieg dieser Liebesleidenschaft, gegen welche sie bisher nochgekämpft hatte, herbeiführten. Sie scheint in den letzten Monaten des nämlichen Jahres1807 besiegt worden zu sein nach einer Reise in die Pyrenäen , die sie unternahm, undwo der Gatte sie besuchte. Diese Annäherung machte die Trennung vollständig undwandelte die Entfremdung in unheilbare Abneigung.
Der Prinz Louis kam im April 1808 zur Welt, und unmittelbar nachher beginntdas zweite Leben der Königin. Für die große Welt war das ein Wirbelsturm von Festenund weltlichen Bergnügungen, aber hinter dem vergoldeten Ofenschirm die geheime Ver-bindung mit Herrn von Flahaut. Der glänzende Offizier war eben aus Polen zurück-gerufen worden, nicht ohne die geheime Dazwischenkunft derer, die ihn liebte. Er brachteein wenig Rheumatismen mit, die ihn nötigten, nach Bourbonne zu gehen. Da dieKönigin sich gleichzeitig nach PlombiöreS begab, bot sich Gelegenheit, die Reise gemeinsamzu machen. Ähnliche Reisen wurden jedes Jahr bis 1815 unternommen; nach der Rück-kehr von einer derselben genas, wie man sagt, die Königin eines Sohnes/ den Fraude Souza erziehen ließ, und der gegenwärtig erwachsen sein muß. Während der dreiFeldzüge 1813, 1814 und 1815 diente der General Flahaut beim Kaiser als Brigade-general ; in den hundert Tagen wurde er zum Pair ernannt und mußte bei der Restau-ration in die Verbannung gehen. Nachdem er sich nach Deutschland und später nachEngland begeben hatte, heiratete er bald Fräulein Mercer Elphiustone, von der er mehrereTöchter hat, und der König Louis Philipp hat ihn eben in seinen Dienst berufen undseinerseits zum Brigadegeneral ernannt.
Diese neue Laufbahn, die Herr Flahaut durchläuft, diese Familie, die er gegründethat, die sind es nun, die gegenwärtig der Königin zu schaffen machen und durchwelche sie sich von ihm getrennt fühlt. „Leiden zu müssen durch die, welche man liebt,das ist das Leben..." fügt Fräulein Vescovali hinzu, welche die Augen beständig vollTränen hat. Sie entschuldigt sich, daß sie zu viel gesagt habe, und klagt sich dessen an,und ich danke es ihr. Durch sie auf dem laufenden erhalten, werde ich künftighin ungeschickteAnspielungen vermeiden, und da ich die Königin liebe, werde ich mich wohl hüten, ihrSchmerz zu bereiten.
28 . November.
Heute morgen fühlte sich die Königin wohl genug, um vor Mittag auszustehen; dieBesuche fluteten frühe heran, und bis zum Abend hatten wir keinen Augenblick mehr frei.
Zuerst erschien Frau de Menon, eine jener schönen Frauen, welche die Feste desKaiserreichs zierten und bei den glänzenden kostümierten Quadrillen der Tuilerien Figurmachten; sie will den Winter in Rom zubringen; ihre Unterhaltung ist reizend, ihrGesicht sehr angenehm; aber man errät kaum, daß sie einst so hübsch gewesen war;ein interessanter Schwede, eingeführt durch ein Schreiben der Königin Josephine, namensHerr de Benette; der General Antonelli, der von Musik spricht. Ein kleiner schüchternerMensch, den ich für einen Besucher hielt und mit dem ich mich in eine Unterredungeinließ, gestand mir dann, er heiße Henri Piot, sei der Neffe der Frau Vescovali und
' Erhielt unter dem zweiten Kaiserreich den Titel Herzog von Morny.