Am Hofe einer Exkönigin.
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sei gekommen, das Klavier zu probieren; die Königin habe ihn angestellt, um an denAbenden zu spielen. Endlich der General Lepel, der seinen Bruder und seine Schwägerinvorstellte, dein man Kupferstiche hat zeigen müssen.
Als der Kreis ein wenig enger geworden, hat die Königin einen Walzer gespieltund Fräulein Feray mit Herrn de Rangs dazu getanzt. Ich bin froh, daß ein Fußleidenmich gehindert hat, mit dem Prinzen Louis zu tanzen, da er sich weigerte; er hat unsverlassen, nachdem er uns sein neapolitanisches Lied gezeigt hatte. Herr de Rougö istebenfalls verschwunden, weil er an Abenden, wo er die Königin nicht nach Wunsch
für sich haben kann, nicht bleibt, und nachdem er seinen Platz, den er schon besetztzu haben hoffte, dem Kammerherrn der Madame Msre, Herrn Colonna, hatte ab-treten müssen.
Dieser kam im Salon zusammen mit dem Fürsten Nuspoli, dem Bischof undEigentümer des Hauses, einer sehr gichtischen und sehr verschlagenen Persönlichkeit,ganz gespickt mit Neuigkeiten, die er ohne Zweifel über uns in Rom in Umlauf setzenwollte. Sein Steckenpferd war die politische Gefahr, welche aus der Krankheit des
Papstes entstehen könne, und die Unruhen, welche der Tod desselben herbeiführen müßte.Er versichert, Österreich würde sich dann an das Prinzip der Nicht-Jntervention halten.Das wollte er durch uns weiter verbreiten, und das konnte ihm keiner glauben, dajedermann weiß, daß er in Rom das Sprachrohr Metternichs ist.
Der gute alte Colonna sieht überall den Finger Gottes. Er hat uns von Pro-phezeiungen erzählt, die über den Papst im Umlauf sind, und weil er stets von über-
spannten Dingen spricht, hat er schließlich alle Welt für seine Reden eingenommen. Nachihm naht das Ende der Welt; wir sind in das sechste Zeitalter der Offenbarung Johanniseingetreten rc.
Der Prinz, der in diesem Augenblick heimkam, brachte die Nachricht vom erfolgtenAbleben des hl. Vaters; er hatte es bei der schönen Frau O'Donnel, einer mit einemreichen Engländer verheirateten Römerin, der kokettesten und gefälligsten Frau der Ge-sellschaft, vernommen. Bischof Ruspoli und Colonna, beide sehr bestürzt, haben uns inEile verlassen. Die Königin ließ mich sofort ihre zur Versendung bereiten und schongesiegelten Briefe wieder öffnen. Sie war voll Bedenken, und da sie wußte, daß ihreKorrespondenz auf der Post gelesen würde, wollte sie einige zu lebhafte Ausdrücke ändern,weil die heutigen Begebenheiten ihnen einen verfänglichen Sinn verleihen könnten. Ichselbst war so beunruhigt und von meinen Ahnungen befangen, daß ich bei der Toilettedie Ungeschicklichkeit beging, meine Haare zu verbrennen. Ich wußte nicht, wie denSchaden reparieren; die Zeit mangelte, mich anders anzukleiden. So saßen dieKönigin und der Prinz schon an der Tafel, als ich verlegen, unzufrieden und häßlichwie eine Vogelscheuche endlich zum Vorschein kam.
Die Nachricht vom Tode des Papstes erschreckt mit gutem Grund jedermann, vorallem die Regierung wegen der Auslagen, welche ein Konklave immer mit sich bringt.— Die Kosten der Wahl Leos XII., des vorletzten Papstes, sind noch nicht bezahlt. —Dann die Fremden, die Müßigen, die Lieferanten, die nur an den Karneval denken undfürchten, daß er nicht stattfinde. Dann kommen die Furchtsamen — zu denen ich gehöre —die für Österreich gewonnenen Leute, die nicht erwarten können, bis es die Truppen,deren Hülfe Leo XII. stets zurückgewiesen hatte, in den Kirchenstaat einmarschieren lasse;die Liberalen, in Erwartung eines Personenwechsels, der die Gewährung einer Verfassung