Am Hofe einer Exkönigin.
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Kinder nicht überschreiten konnten. Costa bemächtigte sich eines Pferdes, das er in einembenachbarten Gehöft wußte, und bediente sich desselben, um die Reisenden ans andereUfer zu bringen. Alle bewaffneten Männer gingen nun zurück mit dem Auftrag, diefalsche Nachricht zu verbreiten, Madame habe sich in Samt Florent eingeschifft. Siebestand aber im Gegenteil auf dem Gedanken, sich in einem dem Golf von Ajaccio benach-barten Dickicht zu halten, da sie sicher war, ihr Sohn werde sie hier suchen. Da, geführtvon Costa, hörte sie mit Schrecken bewaffnete Bauern, welche mit einander verhandelten,wie sie alle Buonaparte töten wollten. Fanatiker gingen zwei Schritte an ihr vorbei,ohne sie zu sehen. Sie dankte Gott für die Eingebung, die sie gehabt, Costa in dieWüste zu folgen und nur auf Napoleon als ihren Retter zu zählen.
Kaum in Bastia angelangt, hatte sich dieser auf einen schnellsegelnden Dreimastergeworfen und war als Aufklärer der von Lacombe Saint Michel vorbereiteten Expeditionvorausgefahren. Er stieg in Provenzale ans Land, wo die Hirten seiner Familie waren,sandte mehrere nach Bastelica um Erkundigungen einzuziehen und wartete in den Felsenverborgen auf ihre Rückkehr, wurde aber durch eine Schießerei verjagt, die ihn zwang,sich schnell wieder einzuschiffen. Nun faßte er den Entschluß, mit seinem Schiff in denGolf von Ajaccio einzudringen. Er kreuzte an der Küste, als er von weitem eine Gruppevon Leuten entdeckte, die-ihm Zeichen gaben. Er warf sich in eine Schaluppe, um zurekognoszieren, und sah bei der Annäherung bald seine Mutter und seine Schwestern,die ihm die Arme entgegenstreckten.
Madame versichert, daß nichts ihr je solche Freude bereitet habe als Napoleonan jenem Tage. „Er war ganz naß", sagte sie. „Er hatte sich ins Meer geworfen, umeinen Augenblick früher mich in die Arme schließen zu können." Der Ruhm, das Genie,die Macht ihres Sohnes können ihr jenes Bild nicht verdunkeln; denn für ein Mutter-herz kann's nichts süßeres geben als solche Beweise kindlicher Liebe.
Als wir sie über diese zarten Erinnerungen verließen, vermuteten wir nicht,daß ein politischer Grund uns andern Tags zu ihr zurückführen werde. Diesmalhandelte es sich um den Protest, den der König Joseph soeben an die Kammerngerichtet hat, und den alle Pariser Zeitungen wiedergeben. Der König wohnt in PointBreeze bei Philadelphia ; er läßt sich dort Graf Survilliers nennen nach dem Nameneines kleinen Dorfes, das seinem ehemaligen Landgut von Morfontaine benachbart ist.Sobald die Juliereignisse zu seiner Kenntnis gelangten, glaubte er ohne Verzug demWillen seines Bruders, der in den Briefen sich ausgesprochen findet, die General Bertrandmitgebracht hat, nachkommen und die Rechte des Königs von Rom in den Worten, dieder Kaiser diktiert hatte, zum Ausdruck bringen zu sollen.
Napoleon II. ist 1815 durch eine gesetzlich ernannte und durch fremde Bajonetteaufgelöste Kammer proklamiert worden. Im Gegensatz dazu ist Louis Philippe auf Umwegenund ohne Einwilligung der Nation auf den Thron gelangt; seine Stellung ist falsch, seineVergangenheit zweideutig. Diesen Satz entwickelt der Graf Survilliers in Briefen, diegerichtet sind an Lafayette, an den Grafen Thibaudeau, an die Generale Lamarque, Gärard,Jourdan, Belliard, Merlin, den Herzog von Padua und an den Grasen Rüderer. Er hatden General Lallemand in geheimer Mission nach Wien und nach Parma gesandt, derversuchen sollte, den Herrn v. Metternich und die Kaiserin Marie Louise zu seiner Meinungzu bekehren. Endlich war ein Brief von ihm an die französischen Abgeordneten von denZeitungen wiedergegeben worden.
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