Buch 
Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
Entstehung
Seite
9
JPEG-Download
 

Am Hofe einer Exkönigin.

9

der zuerst in der Zitadelle in einem Zimmer im ersten Stock des Flügels, der dasStadttor beherrscht, untergebracht worden war, wurde soeben ins Staatsgefängnis über-geführt, wo er zwar das beste Zimmer hat, aber immerhin ein düsteres und vergittertes,während in der Zitadelle ihm der rege Verkehr, der unter seinen Fenstern durch dieeinzige Verbindung mit der Stadt stattfand, Zerstreuung brachte. Dem Oberstlieutenant,der mit der Gefängniswache betraut war, hatte der General bei seiner Ernennung gesagt,er soll im Bezng auf den Gewahrsam des Prinzen seine Pflicht tun, ihm aber alle dieRücksichten angedeihen zu lassen, die seinem Rang gebühren und alle seine Wünsche, dieFreiheit ausgenommen, zu erfüllen und ihn das wissen lassen. Der Prinz machte dennauch so ausgiebigen Gebrauch davon, daß der mit seiner Bedienung Beauftragte genugzu tun hatte, alle seine Einfülle zu befriedigen, und sehr froh war, als der Prinz indie Stadt verbracht wurde.

Sabine drang beständig in mich, die Stadt zu verlassen. Der Arzt (General)hatte seiner Frau gesagt: „Sie muß sofort abreisen!" und seither waren drei Stundenvergangen. Sabine saß wie auf Kohlen. Ich überlegte, was ich zu tun hätte; es warvier Uhr, in einer Stunde Nacht, und ich müßte schon besonderes Pech gehabt haben,wenn man gerade in dieser Stunde an mich gedacht hätte. War erst einmal die Nachtda, so war ich bis zum andern Morgen sicher, da solche Unternehmungen nur selten nachSonnenuntergang gemacht werden. Was mich unruhig machte, war einzig die Erregung,mit der die arme Sabine die Stunden zählte. Aber ich hatte noch soviel zu tun. Ichwar mit dem Vorsatz gekommen, zwei Frauen zu sehen, hatte aber bisher erst einegesehen. Als es Nacht geworden, schrieb Sabine der zweiten ein Briefchen, worauf diesealsbald erschien, da sie ahnte, es möchte sich um mich handeln. Ich will sie Jennysnennen; durch sie soll ich die an Frau Thisbaud adressierten Briefe erhalten. Sie kenntmich so gut, daß sie alles begriff und mich erwartete, da sie zum voraus vermutete,was ich im Schilde führte; sie hatte schon an manche Dinge, die ich ihr gerne aufge-tragen hätte, gedacht. Ich konnte offen mit ihr über meine liebe Kranke (den Prinzen)sprechen, deren Lage ihr nicht minder zu Herzen geht als denen, die ihr ganz ergebensind. Aber sie ist ganz der Meinung, daß man den Anordnungen des Arztes (General)nicht zuwider handeln dürfe und sich wohl hüten müsse, hinter seinem Rücken unzeit-gemäße Mittel anzuwenden. Wenn die Gefahr einmal drohend würde und der Arzt aufdie so notwendige Luftveränderung nicht eintreten wollte, dann sei es an der Zeit, es ihrzu reichen, aber erst wenn es gelte, alles zu wagen, um alles zu gewinnen. ... Ichsprach ihr auch von dem Wunsch der Frau Anna, das bewußte Haus zu kaufen. Sie meintaber, das wäre eine schlechte Spekulation; man müsse bedenken, daß wenn das Geldlange brach liege, dies Haus den großen Nachteil habe, dem neuen Gefängnis benachbartzu sein; die vergitterten Fenster des Gefängnisses schauen alle über die Zwischenmauerzwischen dem Garten des Hauses und dem Gefängnishof, und das sei unangenehm. Sieist momentan in Unterhandlung mit einer Jnstitutslehrerin, die Jenny zuweilen besuchtund bereit wäre, die junge Tochter, von der man ihr gesprochen hat, bei sich aufzunehmen.Von den Fenstern aus sieht man den Gefängnishof voll Truppen, die scharf geladenund den Befehl haben, beim geringsten Fluchtversuch zu schießen. Alle fünf Minutendurchlaufen Patrouillen die benachbarten Straßen, und alle Wachtposten der Stadt sind

l Sie hieß wirklich, wie aus deni Nachfolgenden hervorgeht, Virginie Cottrau, und war dieSchwester des Malers Cottrau, der als Gast auf Areuenberg weilte.