Buch 
Lesebuch für das achte Schuljahr der Volksschule des Kantons St. Gallen / hrsg. vom Erziehungsrate
Entstehung
Seite
11
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Jetzt ist der Onkel Bernhard gar alt. Im Winter sitzt erdie meiste Zeit auf dem großen Lehnstuhl hinter dem Ofen, imSommer auf der steinernen Bank vor dem Hause im Schatten derSpalierreben. Ich selbst bin nun Arzt an seiner Stelle. Amfrühen Morgen setze ich mich aufs Pferd und komme erst amAbend heim, totmüde. Es ist ein mühsames Leben, namentlichzur Zeit des großen Schnees; aber darum bin ich doch glücklich.

Die Muschel ist immer noch an ihrem Platze. Dann undwann, wenn ich von meinen Besuchen auf dem Berg zurück bin,nehme ich sie ans Ohr wie in der seligen Jugendzeit und höredas Echo meiner Gedanken rauschen. Sie klingen nicht immerlustig, manchmal sogar traurig, z. B. wenn einer meiner armenKranken in Todesgefahr schwebt und ich ihm nicht helfen kann;aber nie tönen sie vorwurfsvoll, wie an jenem Abend, als mirdie Geschichte mit dem Vogelnest begegnete.

Mondesblick. Gerok.

Kam ich heut am frühen Winterabendvon den Gängen des Berufs nach Hause,fand ich mein vertrautes Arbeitszimmerschon in tiefe Dämmerung gehüllt.

Aber schräg herein durch die Gardinenschlich vom dunkelklaren Abendhimmelgeisterhaft in silberblauem Glänzesich ein Streifen hellen Mondenfcheins.

Traf den Tisch, daran ich heut gesessenund das Buch, das dort noch aufgeschlagen,und das Blatt, darauf ich erst geschrieben,brachte alles das ins helle Licht.

And mir ging ein Schauer durch die Seele,da ich so vom stillen Mond belauschet,während ich vom Hause fern gewesen,meines Tags verschwiegne Arbeit sah.

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