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Dem Fremdling war es dabei wie Gebet über die Seele gekommen,und unwillkürlich, wenn er auch den Sinn des Geläutes nicht kannte,hatte er sein Laupt entblößt und die Lände gefaltet. Als er aberabends die Wirtin fragte, warum man mit allen Glocken eine Stundelang so feierlich geläutet habe, antwortete diese mit gar wichtigerMiene: „Das ist geschehen, weil ein Bürger von Kältern gestorben ist."
Nun hatte der Fremdling seinen Bescheid und konnte sich schlafenlegen, ohne daß ihn die Neugierde am Schlummer hinderte.
Andern Tags aber war Freitag, und als es vom Pfarrkirch-turme die elfte Mittagsstunde schlug, fing, wie gestern, das kleinsteGlöcklein zu läuten an, die anderen größeren und großen aber schwiegen.Des wunderte sich der Fremde baß und fragte wieder: „Frau Wirtin,wem galt solch armseliges Geläute?"
„Das ist die Scheidung unseres Lerrn", gab jene zurück.
„Lm," knurrte der andere und schüttelte unwillig den Kopf,„ihr Kälterer seid wahrlich geizig gegen unsern Herrgott mit eurenGlocken".
„Je nun," meinte die Wirtin schnippisch, „er ist eben auch keinKälterer Bürger wie unsereins, der hier sein Leim hat und seineSteuer zahlt."
Auf solches gab der Fremdling nicht Gegenrede, wohl aber schauteer eine Weile ernst und schier finster vor sich hin; dann aber aufeinmal stülpte er seinen Lut auf den Kopf, und hinaus zur Türgings und hin nach dem Rathause.
„LerrI Seid ihr der Bürgermeister von Kältern?" rief erschier grob.
„Ja, der bin ich! Aber was wollt Ihr?"
„Sagt mir, kann man bei euch da in dem" — fast hätte erNest gesagt — „in dem Orte auch Ehrenbürger werden?"
„Ja!" antwortete der Bürgermeister und griff mit der Rechtenans Kinn. „Ja, das kann man schon, vorausgesetzt daß der Bittendevon einem tadellosen Rufe ist und zweihundert Gulden in guterMünze bar erlegt."
„Da fehlt weder an dem einen noch an dem andern einTüpfelchen. Lier ist Euer Geld und nun gebt mir Brief undUrkunde I"
„Lerr, Ihr seid jach; da ich weiteres nicht weiß, ja nicht einmalden Namen des neuen Ehrenbürgers kenne, kann ich Euch nicht Briefnoch Urkunde geben."
Deutsches Lesebuch. 7