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Deutsches Lesebuch für Sekundarschulen / hrsg. von Veit Gadient
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träumend in der Sonne sitzen, zu deren Füßen neue Kinder die altenSpiele übten, und so flössen die Wellen und die Jahre unablässig dahin.

Dieses friedliche Leben ward nur unterbrochen durch solche Er-eignisse, für deren Fernbleiben allsonntäglich auf der Kanzel gebetetwird und denen das Menschengeschlecht doch nie und nimmer ent-rinnen kann. Es kamen Kriegsläufte, in welchen sich die kristallklarenWellen des Baches mit Blut färbten; es kam eine Feuersbrunst undverzehrte die halben Läufer des Dorfes; eine Pestilenz, ausgebrütetin den Sümpfen der Länder gegen Sonnenaufgang, wanderte herbei,leerte die Läufer und füllte den Kirchhof; Mißwachs und sein scheuß-liches Kind Lungersnot zehrten an den Gebeinen der Dorfbewohner;doch alles überwand die unverwüstliche Kraft des Lebens.

Zm Wandel der Zeit.

And wie sieht es denn jetzt dort aus? Schon wieder ein weniganders, und wieder sind neue, unerhörte Töne bis in die entlegeneEinsamkeit dieses Tales gedrungen; denn von dem Laupttale aus,in welches es mündet, schrillt zuweilen der gellende Pfiff der Loko-motive herüber. Den Bach hat man eingefangen und seine Kraftvor allerlei Mühlen und Fabriken gespannt, wo er mit unwilligemBrausen über die Wehre stürmt, um wimmelnde Räder und Riemenund knirschende Sägen zu treiben. Aus einem schmalen Seitentalsragt sogar der mächtige Schornstein einer Papierfabrik hervor, welcheeifrig bestrebt ist, ganze Wälder zu fressen und sie in Papier zu ver-wandeln. Am die Sommerszeit aber kommen zahlreiche Menschenaus großen Städten, um die köstliche Gebirgsluft zu genießen.

So ist es jetzt. Wie es aber in Zukunft sein wird, das weißniemand. Es gab ja Städte, welche einst glänzend dastanden in derPracht ihrer Paläste und weit hinaus ihre mächtige Lerrschaft aus-übten; doch heute kennt man kaum den Ort in der Wüste, wo sielagen. Sie sind vergessen und fast ohne Spur verloren. So kannes auch sein, daß die Menschen einmal wieder verschwinden aus diesemTale und das Dorf in Trümmer sinkt. Dann wird langsam derWald Herabsteigen aus dem Gebirge in seine alten Standplätze undnach Lunderten von Jahren ein neuer Arwald dort seine Wipfelwiegen, und das Andenken der Menschen, welche dort wohnten, wirdhinabgeflossen sein in das große Meer der Vergessenheit. Doch mitdemselben Rauschen und Rieseln wie einst und jetzt wird auch dannder Bach zum Tale wandern mit seinen klaren Gewässern, die ewigkommen und ewig gehen und ewig bleiben.