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Deutsches Lesebuch für Sekundarschulen / hrsg. von Veit Gadient
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371
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Die Schulsuppe wurde gemeinsam beraten und so ziemlich zugleichen Teilen bestritten. Wir hatten das geröstete Mehl und dieButter zu stellen, die Nachbaren das Bürdeli Lolz. Mit Brot hattesich jeder Esser selbst auszurüsten, ebenso mit dem Löffel, dem lang-stieligen, runden Blechlöffel. Wirfaßten" denn also jedesmal, wennSchulsuppentag war, ein stürmischer Wintertag, an dem mankeinenLund vor die Türe gejagt", eine große Düte voll geröstetes Mehl,darein legte die Mutter paar Löffel vollKühlanken" (in Zwiebelnzerlassene Butter), und an Brot wurde verstaut, so viel die Rock-und Losentaschen faßten. Wehe dem, der sich an diesem Brot, dereisernen Ration, während des Vormittags vergriffen hätte! DasStaudenbürdeli war das einzige, das uns etwas bloßstellte. Alleines mußte nun einmal hinaufgetragen, d. h. auf dem Schlitten hinauf-geführt werden, und unter unserm Lalbdutzend gab es immer einenGutmütigen, der sich dieser Belastungsprobe geduldig unterzog.

Ich möchte nun nicht behaupten, daß der Vormittag der Schul-suppentage für den Unterricht ein besonders ersprießlicher war. Llnslag lange vor elf Ahr der Mehlsuppengeruch in der Nase und dasSchlittenfahren im Kopf. Die ganze Veranstaltung hatte überhauptetwas Festliches. Das Festliche aber ist der direkte Gegensatz desSchultäglichen.

Die Veranstaltung unseres Festmahles selbst bot wenig Schwierig-keiten. Im Schulhaus wohnte ein Abwart; er war Flickschuster vonBeruf, und weil Pech nicht nur schwarz ist, sondern nach einem altenSprichwort auch besudelt, hieß der Mann, nach seinem Aussehen,der Schwarzhans. Seine Küche mußten wir Schüler passieren, wasder Diskretion kulinarischer Genüsse nicht gerade förderlich war. Dochsah's in diesem ärmlichen Laushalt nicht eben hienach aus. DieserSchwarzhans nun, d. h. seine Frau, hatte uns zwei ihrer Küchenmöbelzu leihen: eine eiserne Pfanne und ein großes Milchbecki. In denFeuerherd schoben wir nach und nach unser Staudenbürdeli, die Pfanneaber wurde mit Wasser aufgesetzt. Bis dieses kochte, wurde Stückum Stück Brot in das Becki gebrockt; kochte das Wasser, wurde dasknollige Mehl darein gestreut und derKühlanken" aufs Brot gelegt;eine Minute lang ließ man die braune Mehlflut aufwallen, goß siedann über das Brot und die Mehlsuppe war fertig, fix und fertig,und der Mund fing an zu wässern.

Lerbei zum Essen! Mehr kichernd als andächtig beteten wirvor dem Tisch", hockten uns um den wackeligen Tisch herum, zogendie langstieligen Löffel aus dem Losensacke und das Festmahlbegann.

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