202 XI-V. Der deutsch-französische Krieg. 1870—1871.
Rufe: „Rache für Sadowa!" zum Kriege gegen Preußen. Frankreichwar indes noch nicht gerüstet. Es verbesserte sein Heerwesen und ver-sprach sich von den Mitrailleusen oder Kugelspritzkanonen den größtenErfolg. Napoleon III. hoffte, daß ihn die Italiener aus Dankbarkeit,die Österreicher, Süddeutschen, Hannoveraner und Dänen aus Haß gegenPreußen unterstützen werden. Äuf ihre Hilfe glaubte er um so sichererrechnen zu können, je eher er losschlug. Aber auch in Preußen, gab esMänner, die einen Krieg mit Frankreich für die Einigung und Macht-stellung Deutschlands für heilsam, ja notwendig hielten, ihn deshalb nichtlänger hinausgeschoben sehen wollten und an seinem Zustandekommenkräftig arbeiteten. — tz) Ein unbedeutender Anlaß brachte ihn zum Aus-bruch. Einem Verwandten des preußischen Königs, dem Prinzen Leopold,wurde die spanische Königskrone angetragen. Die Franzosen befürchteten,daß dadurch Preußens Einfluß zu mächtig und das europäische Gleich-gewicht gestört werde; sie verlangten deshalb von Wilhelm, daß er denPrinzen bewege, auf die spanische Krone zu verzichten. Er erklärte jedoch,daß ihn die Thronangelegenheit nichts angehe. Als in Paris die Auf-regung so groß war, daß ein Krieg unvermeidlich schien, verzichtete Leopoldauf die spanische Krone. Damit nicht zufrieden, verlangte Frankreich,daß Preußen die Versicherung gebe, es werde sich auch für alle Zukunftder Wahl eines Hohenzolleru aus den spanischen Thron widersetzen.Wilhelm wollte eine solche Verpflichtung nicht auf sich nehmen. Diefranzösische Regierung, die warnenden Stimmen nicht achtend, gab hieraufdem Drängen der Hetzpartei nach und ließ am 19. Juli 187 0 dieKriegserklärung überreichen. — o) Napoleon III. hatte den Plangefaßt, mit seiner Hauptmacht in Süddeutschland einzufallen, um Öster-reich und Italien die Hand zu reichen. Allein sein Heer war nichtsweniger als gerüstet; zudem blieb die erhoffte Hilfe aus. Preußen hin-gegen, das schon seit Jahren einen Krieg mit Frankreich vorausgesehenhatte, war vollständig gerüstet. Die Franzosen brachten an ihrer Ost-grenze bloß 240,000 Mann zusammen, die in sieben Armeekorps getrenntwaren; ihre Führer, von welchen Mac Mahon, Bazaine und Canrobertdie bekanntesten waren, handelten nicht nach einheitlichem Plane. —<I) Gegen Frankreich erhob sich ganz Deutschland wie ein Mann;aller Parteizwist verstummte. Alle Deutschen zeigten sich fest entschlossen,den frevelhaft hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. Schon anfangsAugust stunden 400,000 Mann, in drei Armeekorps verteilt, schlagfertigan der Westgrenze. Wie 1866 führte der König Wilhelm selbst denOberbefehl, während Moltke, handelnd nach dem Grundsatz: Getrenntmarschieren, vereint schlagen, der eigentliche Schlachtenlenker war. DerPrinz Friedrich Karl, der Kronprinz Friedrich Wilhelm und Steinmetzkommandierten die drei Armeekorps.
2. UkHvtlf. 6. August 1870. — rr) Der Kronprinz schob, vomFeinde unbemerkt, sein Armeekorps dicht an die elsäßische Grenze, griff