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Weltgeschichte für Sekundar-, Bezirks- und Realschulen in methodischer Anordnung / von Rudolf Luginbühl
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XXI. Die Jimgfrau von Orloans. 1429.

stand. o) So war die Freiheit von den Bergen in die Ebene ge-stiegen; ja sie hatte sogar den Wall des Jura überschritten. Das kleineVolk der Schweizer war zu einer gefürchteten Macht und znm Hort derUnabhängigkeit geworden.

XXI. Die Jungfrau von Orleans.

1429.

Frankreichs Aledrüngnis. n) Als das Herrschergeschlecht der Karo-linger im Jahre 987 in Frankreich mit Ludwig dem Faulen schmählich geendet hatte,wußte Ludwig Capet ein neues Herrscherhaus zu gründen. Seine Nachfolger ver-stärkten langsam, aber sicher die Königsmacht. Schwere Kämpfe mußten sie gegendie Engländer führen, die im Norden und Südwestcn Frankreichs große Gebieteerworben hatten. Mehr als hundert Jahre lang lagen sie mit ihnen im Krieg.t>) Es war während dieses Kriegs, als Frankreich unter seinem König Karl VII.<14221461) in die größte Not geriet; denn auch der mächtige Herzog von Burgund.Philipp der Gute, hielt es mit England; ja, sogar des Königs eigne Mutter, diestolze Bayernfürstin Jsabella, hatte sich zum Sturze ihres Sohnes mit dessen Feindenverbunden. Engländer und Burgunder vereint, eroberten alles Land bis an dieLoire. Auf deren rechtem Ufer hielt sich einzig noch die feste Stadt Orleans;sie wurde durch den Grafen Dunois tapfer verteidigt; doch schien er der Übermachtunterliegen zu müssen. Denn viele Franzosen verließen das Heer ihres geschlagenenKönigs; dieser selbst wollte nach dem Süden Frankreichs stieben; da nahte sich einewunderbare Retterin.

1. Johanna nan Aw. ri) Diese Retterin war Jo-hanna von Are. In Doniremy, einem lothringischen Dorfe an der Maas,1412 als Tochter eines einfachen Landmannes geboren, wuchs sie alsschlichtes und schönes Hirtenmädchen auf. Sie bewahrte sich einen kind-lich frommen Sinn und eine reine Seele. Auch nicht der leiseste Vorwurf traf ihre Jugend. Das Elend ihres Volkes ging ihr sehr zu Herzen;denn sie mußte es erleben, daß ihr Heimatdorf von den Armagnakenverbrannt und sie mit den andern Einwohnern verjagt wurde. Ju heißemGebete flehte sie die Heiligen um Rettung an. Die Lichtgestalten ihreraufs höchste erregten Phantasie glaubte sie in der Außenwelt wirklich zusehen. Nach ihrer Äußerung hatte sie schon mit 13 Jahren Gesichte.Sie hielt sich von da an fern von ihren Gespielinnen, stand oft untereinem alten, sagenberühmtcn Baume, dicht neben ihrem elterlichen Hause.Die Erscheinungen wurden häufiger; immer dringender und lauter glaubtesie eine Stimme zu hören, die sie aufforderte, ihr Vaterland zu befreien.Diesem göttlichen Befehle länger zu widerstehen, hielt sie für Sünde.Felsenfest war ihr Glaube an ihre hohe Äufgabe. I») Sie wandtesich an Baudricourt, den Kommandanten in der benachbarten StadtVaucoulenrs, und bat ihn, sie zum König zu führen. Zweimal wurdesie als jugendliche Schwärmerin von demselben barsch abgewiesen; dochbeim drittenmal willfahr er ihrer Bitte und sandte sie in Begleitung