XI.VI. Die Zeit seit 1.^71.
272
Leidenschaften im Zaume zu halten. Gambetta, der mutige Verteidigerder Republik, war bis zu seinem 1882 erfolgten Tode die Seele derRevanche. Umsonst suchte nachher Jules Ferry mit Deutschland eingutes Einvernehmen anzubahnen und die Augen seiner Landsleute aufdie Eroberungen in Hinterindien und in Afrika zu lenken. Er wurdegestürzt und mit grimmigem Hasse verfolgt. Frankreich blieb ohne Freunde;denn jedes Volk hütete sich, mit einer Nation anzuknüpfen, wo ungezü-gelte Leidenschaften jeden Augenblick einen Krieg heraufbeschwören können.Es war deshalb Bismarck ein leichtes, die Verbindung Frankreichs mitandern Mächten zu hindern. Doch ist seit seinem Rücktritt Rußland demunermüdlichen Werben Frankreichs entgegengekommen. Wenn sich auch beiverschiedenen Gelegenheiten, z. B. beim Panamakrach, in den leitendenKreisen eine erschreckende Fäulnis offenbarte; wenn auch die unaufhörlichenParteikämpfe, der beständige Wechsel der Ministerien die gedeihliche Ent-wicklung sehr schädigen, ist doch viel Gutes zu stände gekommen. Soschuf Ferry ein neues Unterrichtsgesetz, nach welchemUnentgeltlichkeitund für das sechste bis dreizehnte Altersjahr Schnlzwang besteht.
4. Italien. — N) Bis auf den heutigen Tag hat sich dasPapsttum mit dem neugeschaffenen Königreich Italien nicht ausgesöhnt,weil es den Verlust der weltlichen Herrschaft, des Kirchenstaates, in dessenBesitz es ein ganzes Jahrtausend gewesen, nicht verschmerzen kann. Derjunge Staat suchte sich zu befestigen und hat im Heer-, Steuer- undErziehungswesen wichtige Reformen zn unternehmen angefangen. Wennauch manches Gute angestrebt worden, so herrscht doch im Volke nochgroße Unwissenheit und Armut und infolgedes Unzufriedenheit. DieFinanzlage verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr, und die Staats-schuld wuchs hauptsächlich infolge der großen Ausgaben für das Militär,welche Italien als Glied des Dreibundes zu machen sich verpflichtet fühlt.In der äußern Politik schloß sich Umberto I., Sohn und Nachfolger-Viktor Emanuels, II., eng an Deutschland und Österreich-Ungarn an,nicht bloß zum Ärger der stammverwandten Franzosen, sondern auch derJrredentisten, die das Itulia iiwöckkirtu (unerlöste) nämlich Trieft,Jstrien, Südtirol, Tessin, Nizza, Korsika und Malta, wo auch italienischgesprochen wird, für Italien zn erwerben bestrebt sind. — 1>) Im Jahr1885, d. i. ein Jahr nach Deutschland, ging Italien auch unter dieKolonialmächte, aber zu seinem großen Schaden. Es besetzte Massauaam roten Meer, um die Stadt als Sprungbrett zur Eroberung Abessy-niens zu benutzen. Doch Menelik, der Negus Äthiopiens, brachte ihm1896 schwere Niederlagen bei, so daß es von seiner Kolonie nichts alsSchande und Schulden erntete.
5. Spanien. — n) Lange blieb der spanische Thron unbesetzt.Amadeus, der Bruder Umbertos, Ende 1870 darauf berufen, plagtesich zwei Jahre lang mit spanischen Regierungssorgen; als er aber sah,