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Abriss der allgemeinen Geschichte / von Hugo Rachel
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Parteien und Politik.

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Seit deren Erfolg von 1866 gewann der gemäßigte Liberalismus über denbis dahin vorherrschenden demokratischen (Fortschrittspartei) die Oberhand, wurdeals nationalltberale Partei führend und Trägerin des nationalen Einheits-gcdankens, rückte s. 1878 noch mehr nach rechts, den Kampf für parlamentarischeRechte aufgebend, mit einem gemäßigten Konstitutionalismus oder gar verbrämtenAbsolutismus einverstanden. Der entschiedene Liberalismus, s. 1884 deutscherFreisinn, zunehmend geschwächt, außerdem sich in mehrere machtlose Gruppenspaltend. Konservative ebenfalls in 2 Gruppen, einer entschiedenen, s. 1876deutschkonservative Partei, und einer gemäßigten, Freikonservative oder Reichspartei.

Die reine Opposition geht auf die seit Ende der 60 er Jahre erscheinenderadikale Vertreterin der Arbeiterklasse, die sozialdemokratische Partei, über, dieanfangs sehr schwach, von Wahl zu Wahl erstarkt.

Seit 1870 trat wieder die katholische Partei, das Zentrum, als starke undeinflußreiche Gruppe hinzu.

Daneben einige kleinere Oppositionsgruppen: Polen, Elsäsfer, Dänen, Welsen.

Allmählich starkes Vordringen wirtschaftlicher und sozialer Bestrebungenim Parteienwesen: Schwerindustrie, Mittelstandsbewegung, Bund der Landwirtes. 1898. Christlichsoziale (Stöcker), Nationalsoziale (Naumann), katholische Volks-partei (Hitze). _

Die große Parteizersplitterung nötigt s. 1878, mit wechselnden Mehrheitenzu regieren, lahmt Tätigkeit und Ansehen der Volksvertretung. ParlamentarischeKämpfe vor allem um die Heeresvorlagen, wobei die Regierung das Budgetrechtdes Reichstags abzuschwächen, jedenfalls jede parlamentarische Mitregierung zuhindern sucht.

Zugleich ungelöster Zwiespalt zwischen dem rasch wachsenden Finanzbedarfdes Reiches und der festgehaltenen Finanzhoheit der Einzelstaaten; das Reichhat indirekte Steuern und Zölle, erst 1906 Erbschaftssteuer erste direkte Reichs-steuer, im übrigen auf Matrikularbeiträge der Einzelstaaten angewiesen.

1874 Reichsmilitärgesetz (Septennat), Friedensstärke 401659 Mann. Landsturm-gesetz. Allmähliche Vermehrung, dazu 1888 Erhöhung der Landwehrpflichtum 6 Jahre. Präsenzstärke 1903 495000, s. 1. Oktober 1913 aber von544211 auf 661176 Mann.

1872 Flottengesetz. 1897 Tirpitz Staatssekretär der Marine, 1898 Gründungdes Flottenvereins. 1900 Neues Flottengesetz, wonach bis 1917 eine ge-waltige Kriegsflotte zu schaffen.

Schwächung und Spaltung des Linksliberalismus in den Kämpfen um dieWehrmacht.

187279 Kampf um die Staatsaufsicht über die katholische Kirche in Preußenund im Reich gegen erbitterten Widerstand der Kirche und des ZentrumS(Kulturkampf, in Preußen schon 1837/38). Seit 1879 Abbau der Kampf-gesetze, erhalten blieb die staatliche Schulaufsicht (1872), das Aufsichtsrechtüber die kirchlichen Angelegenheiten, die bürgerliche Eheschließung und