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Abriss der allgemeinen Geschichte / von Hugo Rachel
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Innere deutsche Kämpfe.

Standesregister, s. 1874 in Preußen. 1875 im Reich. Die in der Oppositionerstarkte Zentrumspartei wird das Zünglein an der Wage und erhält da-durch ausschlaggebenden Einfluß.

Erfolgreicher löst das katholische Frankreich diese Frage: 1903 volle Verwelt-lichung der Schulen, 1905 Trennung von Kirche und Staat, der Kirchen-besitz den Gemeinden überwiesen. Der heftige Streit mit Kirche und Papstwird überwunden.

1878 Gesetz gegen die als staatsgefährlich bekämpfte Sozialdemokratie: Verbotsozialdemokratischer Vereine und Zeitungen, Ausweisung und Gefangensetzungder Führer. Das Gesetz 1890 nicht weiter verlängert, Bekämpfung derSozialdemokratie in der Verwaltung, im Heer, den Schulen und der öffent-lichen Meinung fortgesetzt. Sozialdemokraten bleiben von allen Beamten-und Ehrenstellen ausgeschlossen, während in parlamentarischen StaatenSozialisten in die Ministerien gelangen (Australien 1899, Frankreich s. 1899,Dänemark, Belgien). Die Sozialdemokratie wird dabei aber die an Wahl-stimmen stärkste Partei.

Durch diese Bekämpfung breiter Volksteile und ihrer Bestrebungen, derenGefahren übertrieben wurden, wird die innere Einheit schwer geschädigt, diekonfessionelle und die soziale Spaltung noch verschärft. Auch die Juden, obwohlseit Ansang des Jahrhunderts staatsbürgerlich gleichberechtigt, blieben tatsächlichvom Verwaltungsdienst, Richteramt, Ojfizierstand ausgeschlossen. Dazu eine nichtstetige, aber ungleich mehr auf Druck und Kampf als auf Versöhnung undGleichberechtigung eingestellte Politik gegen die nationalen Minderheiten: Polen,Reichsländer, Dänen.

Das Reichsland Elsaß-Lothringen, unter Protest annektiert, zunächst alsProvinz behandelt, erhält 1879 eine Landesregierung mit kaiierlichem Statthalter,Ministerium und Landesausschuß (Notabelnversammlung). An Stelle des letzterenerst 1911 ein Parlament: 1. Kammer vom Kaiser ernannt, 2. aus allgemeinenWahlen. Preußische Verwaltung erschwert Versöhnung. Volle Gleichstellungals Bundesstaat erst 1918, zu spät, zugestanden.

Polen stets feindlichgesinnter Fremdkörper. 1886 Ansiedlungsgesetz zurStärkung des Deutschtums in Posen und Westpreußen, zuletzt 1913 durch staat-liches Enteignungsrecht ergänzt. Germanisation durch Verwaltung und Schule.Ostmarkenverein 1894. Mächtig erstarkender Widerstand und Gegenorganisationender Polen, die sich geradezu zu einem Gemeinwesen im Staate organisieren.

Die große Mission des Deutschtums, das völkerverbindende Element Mittel-europas zu werden, ist vom Bismarckschen Reiche nicht erfüllt worden, die Gegen-sätze wurden nicht überwunden, sondern eher verschärft. Auch auf die eigenen,außenstehenden Volksteile übte es keine Anziehung aus, die hart kämpfendenDeutschen Österreichs und Ungarns wurden aus außenpolitischen Gründen nichtunterstützt, für das Deutschtum im Auslande erst 1913 ein Gesetz gegeben, daSden schnellen Verlust der Reichsangehörigkeit verhütete.