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Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / Wilhelm Oechsli
Entstehung
Seite
163
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Hinterlist. Es wurde Sitte, daß der künftige Ritter durcheine sorgfältige Erziehung auf seinen Beruf vorbereitetwurde. In früher Jugend kam der Knabe an den Hofeines fremden Adeligen. Da lernte er zunächst unter derObhut der Gemahlin desselben als Edelknabe (Page)feines,höfliches Betragen und erhielt Anleitung imReiten und im Gebrauch der Waffen. Mit dem 14. Alters-jahr begann die eigentliche Lehrzeit. Als Knappe be-gleitete er jetzt den Ritter sowohl zum fröhlichen Spielder Jagd und des Turniers, wie in den blutigen Ernst derSchlacht. War endlich das 21. Jahr herangekommen, soerfolgte die S c h w e r 11 e i t e, die feierliche Aufnahmedes Jünglings in den Ritterstand. Nachdem er eine Nachtstehend in der Kirche durchwacht, wurde er nach demFrühgottesdienst von den anwesenden Rittern mit derRüstung bekleidet und mit dem Schwert umgürtet. Dar-auf empfing er von seinem Herrn denRitterschlag mitder bloßen Hand auf den Nacken; eine feierliche Ermah-nung an die Pflichten des Ritterstandes begleitete den-selben. Die Darreichung von Geschenken, fröhlicheKampfspiele und ein festliches Mahl beschlossen die Feier.Oft belohnte auch ein bewährter Ritter auf dem Schlacht-feld, vor oder nach dem Kampf, wackere Knappen mitder Erteilung der Ritterwürde.

3. Turniere. Den größten Glanz entfaltete derAdel in den friedlichen Wettkämpfen, in denen er seineWa.ffenkunst übte und erprobte, in den Turnieren,den Hauptfesten des Mittelalters. Gewöhnlich wurdendiese von Fürsten oder reichen Herren veranstaltet, diedurch Boten und Briefe zur Beteiligung einluden. Daströmten denn die ruhmbegierigen Ritter von allen Seitenherbei. Angesichts der reich geschmückten Edeldamen,die auf Schaugerüsten saßen, und der zuschauenden Volks-menge ritten sie teils einzeln, teils in ganzen Scharenmit gesenkter Lanze aufeinander los und suchten sichaus dem Sattel zu heben oder, wenn die Lanze zersplittertwar, einander mit dem Schwert zu überwinden. Obschon