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1309 durch die Könige von Frankreich verlocken, ihren Sitzin der Stadt Avignon an der Rhone aufzuschlagen.Hier gerieten sie unversehens in schimpfliche Abhängig-keit vom französischen Hofe, nach dessen Winken sie derWelt Segen und Fluch austeilen mußten. Nach siebzigJahren hatte endlich ein Papst den Mut, nach Eom zu-rückzukehren. Als er starb und ein neuer gewählt wurde,der in Rom zu bleiben beschloß, entwichen die französischgesinnten Kardinale aus der Stadt und wählten einen1378 Gegenpapst, der Avignon zum Aufenthaltsort wählte. Diekatholische Kirche spaltete sich, indem die einen Ländermit Frankreich den Papst in Avignon, die andern den-jenigen in Rom als rechtmäßigen Nachfolger Petri an-erkannten. Jahrzehnte hindurch hatte jetzt die Welt daserbauliche Schauspiel zweier heiliger Väter, von denenjeder den andern samt seinem ganzen Anhang zur Hölleverfluchte. Ja es gesellte sich sogar noch ein dritter hinzu,indem eine Kirchenversammlung, die dem Ärgernis ab-helfen sollte, einen neuen Papst aufstellte, ohne doch diebeiden bestehenden zur Abdankung bringen zu können.Diese Spaltung war jedoch nicht das einzige Übel, andem die Kirche krankte. Die ungeheure Macht und dieReiclitümer, die sie erworben, gereichten ihr zum sitt-lichen Verderben. Die Päpste trieben mit ihrer Gewaltargen Mißbrauch. Insbesondere wußten sie daraus eineGoldgrube zu machen und erpreßten unter den ver-schiedensten Vorwänden und Namen unermeßliche Sum-men von allen Ländern. So mußten z. B. die neueinge-setzten Erzbischöfe, Bischöfe und Klosteräbte die päpst-liche Bestätigung um schweres Geld erkaufen. Sogar diegewöhnlichen Geistlichen, deren Einkünfte 24 Goldguldenim Jahr überstieg, hatten diejenigen vom ersten Jahr andie päpstliche Schatzkammer abzuliefern. Schließlichmaßten sich die Päpste das Recht an, alle möglichen Kir-chenämter selber zu besetzen, und trieben damit förm-lichen Handel. Die Kirche lehrte, daß der Papst die Machthabe, die von Gott den Menschen für ihre Sünden zuge-