Merkwürdiger Versuch über die Wirkung der Sonnenstrahlen
Um mich aber noch mehr zu vergewissern, daß das Sonnenlicht allein jene Wirkunghervorbringt, von der ich sprach, stellte ich das mit der Flüssigkeit gefüllte Glas so auf,daß die Sonnenstrahlen durch einen flachen Spiegel darauf zurückgeworfen wurden undsofort ersah ich, daß alles gerade so vor sich ging, als wenn ich es unmittelbar zurAufnahme des freien Sonnenlichtes ausgesetzt hatte. Auch lernte ich die Notwendigkeitkennen daß jener, der den Versuch vorsichtig unternehmen will, die im Glase ent-haltene Flüssigkeit so aufstellen müsse, daß sich kein Körper hinter ihr befinde, welcherdie Sonnenstrahlen zurückwirft. Ich erinnerte mich, das Glas zur Nachtzeit an einFenster gestellt zu haben, welches die Sonne erst nach Mittag einließ. Es befandsich aber gegenüber ein frisch mit Kalk getünchtes, blendend weißes Haus, wodurchdas Morgenlicht sehr lebhaft in mein Gemach zurückgeworfen wurde. Des Morgenssah ich das Glas an und fand die gewöhnliche Farbe; darnach stellte ich es öftersso auf, daß es der von der Sonne hell beschienenen weißen Wand zugekehrt war,aber in keinem Teile von einem Strahle unmittelbar getroffen wurde. Da fand ich,daß es, wenn auch spater als durch den Spiegel, jene gewohnte Farbe erhielt.
Daß ich Kreidepulver nahm, geschah durch Zufall, weil ich, wie gesagt, die Ab-sicht hatte, Balduinschen Phosphor zu erzeugen. Ich meine aber, es sei ziemlich gleich-gültig, wenn jemand statt der Kreide einen anderen weißen Körper, z> B. ge ranmesHirschhorn, weiße Magnesia oder ähnliches verwenden wollte. Selbst Blerweiß habeich an Stelle der Kreide fast mit dem gleichen Erfolge verwendet. Es ergab sichaber der Übelstand, daß sich das Bleiweiß an die Seitenwande des Glases zu festanlegte, außerdem durch seine Schwere zu stark zu Boden strebte und na ) angererRuhe sich schwerer mit der Flüssigkeit vermischte, was doch geschehen muß, damit dieFarbe, mit der es einmal getränkt ist, entfernt werden könne und Platz für emenneuen Versuch gegeben sei. ,
Wünscht jemand eine augenblickliche Wirkung zu sehen, so möge er die Sonnen-strahlen mit einem Konvex-Brennglase sammeln, so daß sie auf das mit der Flüssig-keit gefüllte Glas fallen; doch hat er dabei zu beachten, daß er den Brennpunkt desGlases nicht genau treffe, sondern etwas davon abweiche So wird man fast in einemAugenblicke die starke Verdunkelung der im Glase enthaltener> Mischung wahrnehmen.
Das ist die Zusammenfassung eines oft geübten Versuches Ich wurde ^eineursächliche Erklärung dieser Wirkung beifügen, wenn ich mir selbst dabei genügenwürde Zum Beispiel ist wenigstens so viel klar, daß die Wirkung des Lichtes undder Wärme der Sonne eine andere ist, als man es von einem Küchenfeuer erwartenkann. Ferner meinte ich, unser Versuch könne auch die Anwendung finden, daß errm Untersuchung von Mineralien und Metallen verwendet werde, wenn man wissen
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